Musik

08 | ZETT.LockTipp | Küchen-Disco

Die Disco-Kugel rollt wieder auf uns zu. Foto: AdobeStock / Denis Komarov

Veröffentlicht am 8. November, 2020 | 00:01


von Arne Bicker

2020, ausgerechnet jetzt, in dem Jahr, in dem Clubs mit öffentlichen Tanzflächen meist geschlossen bleiben, feiert die Disco-Musik der 70er Jahre ein Comeback. Als vorgestern, Freitag, 6. November 2020, das Album „Disco“ der 52-jährigen Australierin Kylie Minogue erschien, war das der vorläufige Höhepunkt einer Retrowelle, die, so vermuten es Musikexperten, noch lange nicht ausgeschwappt sein dürfte.

Was soll das, ausgerechnet jetzt, da man nicht tanzen darf? Falsch, man darf natürlich tanzen, im heimischen Wohnzimmer, allein oder zu zweit. Eine Disco-Kugel kann hilfreich sein, ein mit unzähligen kleinen Minispiegeln beklebter Styroporball, bestrahlt von einem Par-36-Punktscheinwerfer, der einen langsam rotierenden Sternenhimmel auf Decke, Wände und Fußboden zu zaubern vermag.

Für die jüngeren Leserinnen und Leser unter 70: Disco ist eine Musikrichtung, die zwischen 1976 und 79 ihre Blütezeit hatte, aus heutiger Sicht also kurz nach dem Krieg, und aus den Zutaten Pop, Soul und Funk zusammengemixt wurde. Ikonen waren zum Beispiel die heute 77-jährige Gloria Gaynor („I Will Survive“ / 1978), die 2012 verstorbene Donna Summer („Hot Stuff“ / 1979) oder der 2003 von uns gegangene Barry White („Can’t Get Enough of Your Love, Babe“ / 1974).

Auf den Kino-Leinwänden sorgte 1977 der in New York City angesiedelte Tanzfilm „Saturday Night Fever“ mit John Travolta und Karen Lynn Gorney zur Musik der australischen Band „Bee Gees“ für Furore. Schon zuvor hatten hier in Deutschland Disco-Formationen wie die in Offenbach vom umtriebigen Musikproduzenten Frank Farian zusammengestöpselten „Boney M.“ („Daddy Cool“ / 1976) oder das Münchner Trio „Silver Convention“ („Fly, Robin, Fly“ / 1975) den Trend aufgegriffen.

Die hüftsteife Bevölkerung übte sich in seitlichen Ausfallschritten in verruchten Partykellern und auf dem Teppich vor der Glotze, in der  ZDF-Moderator Ilja Richter von 1971 bis 1982 durch die TV-Sendung „Disco“ führte. Die öffentlichen Tanzflächen hießen damals „Discotheken“ oder kurz „Disco“, während der Begriff „Club“ seinerzeit eher mit dem Horizontalgewerbe assoziiert wurde. Weltweites Disco-Flaggschiff war zwischen 1977 und 1986 ein sagenumrankter Laden namens „Studio 54“ unweit des Broadways in New York.

Um die Jahrtausendwende flackerte der Trend, entstehend aus dem „Eurodance“ der 90er („Sing Hallelujah“), als Nu-Disco in Europa noch einmal auf mit Hits wie „Crying at the Discoteque“, in dem die schwedische Formation Alcazar das Stück „Spacer“ (1979) von Sheila B and the Devotion resampelte. Auch die in Paris lebende Brasilianerin Salomé de Bahia („Outro Lugar“ / 1999) oder die Britin Sophie Ellis-Bextor (“Murder on the Dancefloor“ / 2001) träufelten ihre extrem tanzbaren Beats in Beine und Köpfe eines jungen Partypublikums, das die 70er-Disco bestenfalls im Bauch der Mütter miterlebt hatte.

Auf einmal machten Charakteristika der alten Disco-Bewegung wie eine Zurücknahme und Vereinfachung von Melodie und Gesang zugunsten treibender Rhythmen beim Nu-Disco-Revival umgekehrt den Unterschied zu elektronisch-monotonerer Clubmusik, die auf Melodie und Gesang meist ganz verzichtete. Eines hatten indes beide Stile gemein: Sie flutschten direkt in die Beine und tanzten sich quasi von selbst.

Und jetzt, 2020, taucht Sophie Ellis-Bextor wieder auf, wenn am 13. November 2020 ihr Lockdown-Album „Songs From The Kitchen Disco“ erscheint – ein Greatest-Hits-Aufguss. Zuvor hatten bereits am 27. März die 25-jährige Britin Dua Lipa mit “Future Nostalgia”, die US-Amerikanerin Lady Gaga mit “Chromatica” (29. Mai), der US-Amerikaner Robin Blake alias „Luxxury“ mit „Set Me Free“ (5. Juni) und die Irische Moloko-Sängerin Róisín Murphy mit „Róisín Machine“ (2. Oktober) Alben vorgelegt, die den Disco-Stil fortpflanzen.

Das sind nun keine No-Name-Künstler, weshalb zu erwarten ist, dass weitere Musiker auf jenen Disco-Zug aufspringen werden, der sich gerade vom unkrautüberwachsenen Nebengleis zurück ins Fahrnetz bewegt. Schon ploppten etliche Beispiele von Justin Timberlake bis Jessie Ware auf. Wobei zu Discomukke eben auch in Wohnzimmer oder Küche, zur Freude der Nachbarn in der Wohnung darunter, getanzt werden kann. Insofern muss die Corona-Krise für diese musikalische Auferstehung vielleicht sogar explizit mitverantwortlich gemacht werden.

Hier haben wir für Sie eine Top-11 der Nu-Nu-Disco 2020 zum  Anklicken und Reinhören zusammengestellt:

 

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