Musik

11 | ZETT.LockTipp | Ralf Schmids „Soil Music“

Neugier und Experimentierfreude: Der Freiburger Musikprofessor Ralf Schmid sucht neue Genres. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 11. November, 2020 | 00:01


von Arne Bicker

„Es zuckt an allen Ecken und Kanten“, meint Ralf Schmid, Künstlername „Pyanook“ und schaut den Besucher fragend an, ob der wohl versteht, was er meint. Es geht um große Experimentierfreude, um Entwicklung und Weg eines Ausnahmemusikers, und nun darum, wie Schmid sagt, „das Internet zu entdecken“.

Wobei man getrost davon ausgehen kann, dass der international bestens vernetzte Professor für Jazz-Klavier an der Freiburger Musikhochschule das weltumspannende Kommunikationsnetz mehr als nur sehr gut kennt. Ihm geht es vielmehr um ein Ausloten neuer Möglichkeiten, die, man ahnt es, ihm noch lange nicht ausgereizt erscheinen. „Soil Music“ (Erdboden-Musik) nennt Schmid sein Online-Projekt, in dem er jeden Mittwochabend live aus dem heimischen Studio in Freiburg mit wechselnden Musikpartnern klingende Tuche spinnt.

Im Oktober gestartet, entwickelte Schmid in vier Mittwoch-Sessions mit dem Ulmer Jazztrompeter und Komponisten Joo Kraus bereits einen Ambient-Chill-Track. In diesem Monat November arbeitet Ralf Schmid online mit Till und Felix Neumann von „Zweierpasch“ zusammen. Das Ganze funktioniert etwa wie Pingpong: Schmid gab zwei Patterns am Piano vor, er nennt das seinen „Aufschlag“ – eine Woche später liefern Zweierpasch Ergänzungswünsche und Raptext dazu. So soll es weitergehen, bis nach vier Sitzungen der „Midweek-Song“ steht.

Das Besondere: Die Online-Besucher dieser kostenfreien Sessions dürfen live oder später per Aufzeichnung dabei sein, wenn die ebenfalls online verbundenen Profi-Musiker herausfinden „wohin uns die Musik trägt“ (Schmid). Das ist weder abgefilmtes Konzert noch Gesprächsgeplänkel, sondern ein in den Momenten des Aufeinanderprallens gestreamter Schaffensprozess unter der Regie von Schmids Sohn Lino (16), der im Heimstudio seines Vaters Videoschnitt und Audiomix bedient und ins Netz abschickt.

Der für seine 51 Jahre erstaunlich jugendlich wirkende Musikprofessor lässt sich derweil kaum in ein Schema pressen: Studium in Stuttgart, New York und Los Angeles, etliche Preise und Stipendien, Big-Band-Dirigent und -Arrangeur, diverse CDs, Arbeit mit Sinfonie- oder Kammerorchestern in Budapest, Bremen, Bonn und Stuttgart und seine Datenhandschuhe, mit denen er sein Klavierspiel gelegentlich selbst durch magisch wirkende Handbewegungen elektronisch begleitet – Ralf Schmid lehrt nicht nur, er will auch selbst Neues lernen und umsetzen.

Nebenher engagiert er sich auch für Umweltprojekte, speziell in Sachen Bodenbewirtschaftung, Wasserkreisläufe, Reisen und arbeitet im Umweltprojekt „Freiday“ der Musikhochschule mit. Jetzt will er sich mit seinen aus der Coronakrise geborenen Mittwoch-Sessions „auf ein neues Format einlassen und schauen, was passiert“. Schmid: „Ich möchte den Leuten was geben – vielleicht haben wir ja alle dieses Bedürfnis nach Musik.“

Um die Session-Zuschauer einzubinden, kann sich Schmid vorstellen, auch mal zwei verschiedene Refrains eines Stückes zur Abstimmung zu stellen. Spruchreif ist das aber noch nicht, genauso wenig wie sein neuer „Collab-Partner“ im Dezember, der möglicherweise aus der Klassik-Szene kommt. Fest steht: Das nächste öffentliche Mittwoch-Zoom-Meeting, das zweite mit „Zweierpasch“, findet heute Abend (11. November 2020), um Punkt 21 Uhr, statt.

https://linktr.ee/pyanooklivestream

 

 

 

Am Beliebtesten

Nach oben
X