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18 | ZETT.LockTipp | Moralischer Fortschritt

Moralischer Fortschritt? Lesen kann helfen. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 18. November, 2020 | 00:01


von Arne Bicker

Was kann uns mehr helfen in schwierigen Zeiten wie diesen als nüchterne Reflexion und Hoffnung spendender Zuspruch durch die Philosophie? Markus Gabriel (40) war schon im Alter von 29 Jahren Philosophie-Professor an der Universität Bonn. Mit seinem neuesten populärwissenschaftlichen Buch liest er uns die Leviten und klärt auf, im besten Sinne.

Dieses Buch ist ein philosophisches Hand- und Handelbuch, das sich gegen den Werteverfall unserer Zeit wendet. Die Krise der freiheitlichen Demokratie und die Ausbreitung des Populismus folgten dem Muster einer Selbstabschaffung des Menschen, meint Gabriel. Wie bitte? Aber schauen wir uns um: Da könnte etwas dran sein! Gabriel legt gleich den Finger in die ganz große Wunde: Dagegen helfe nur eine neue Aufklärung, mit der zentralen Erkenntnis: „Die sozioökonomische Ungleichheit auf unserem Planeten […] ist auf Dauer nicht tragfähig.“

Und so fordert Markus Gabriel einen generellen „Zugang zu moralischer Einsicht“ ein, denn der ökonomisch-technische Fortschritt die Menschheit ohne gleichzeitigen moralischen Fortschritt führe uns ansonsten direkt ins Verderben. Will heißen: Eine neue, moderne und globalisierte Wirtschaft braucht auch ein neues, der Entwicklung angepasstes, moralische Wertesystem. Nur so kann ein humanes Aufbäumen gegen Kriege, Klimawandel, autoritäre Regime und andere selbstgemachte Menschheitsgeißeln erfolgreich sein.

Das klingt abstrakt, trifft aber den Kern: Erste Voraussetzung sei, so Gabriel, ein Erkennen der Wirklichkeit statt postmoderner Erkenntnisleugnung und Wahrheitsumdeutung. Die sozialen Medien hätten uns in ein postfaktisches Zeitalter katapultiert und befördern eine schleichende Erosion des demokratischen Rechtsstaats. Wir brauchen wieder gemeinsam anerkannte Werte anstelle selbsterdachter Glaubenssätze.

Es gibt aber auch Punkte, die der Autor als Hemmnisse anführt, denen nicht zwingend Bremskraft attestiert werden muss: Dass die von Markus Gabriel offensichtlich überschätzte Künstliche Intelligenz sowie eine „hemmungslose Digitalisierung“ die aktuelle, fatale Entwicklung verstärken würden – zum Beispiel. Auch das vom Autor in seiner Grundsätzlichkeit in Frage gestellte Homeoffice könnte vielleicht eher ein Lösungsmerkmal denn Störfaktor sein.

Zu letzteren zählt Gabriel wiederum zutreffend übertriebenes Besitzstandsdenken und soziale Medien als Aufmerksamkeitsabsorber, Fake-News- und Wahnvorstellungenverbreiter. Auch Deutungsanmaßungen, autoritäre wie rechtsradikale bis faschistische Strömungen und das scheinbare Recht des Finanzstärkeren sieht er als gefährlich kontraproduktiv an. Stimmt, von vielen aktuellen Befindlichkeitsamplituden profitiert die Gesellschaft als Gesamtheit wohl kaum – und das kann uns gar nicht deutlich genug vor Augen geführt werden.

Vor allem aber lässt Gabriel die Hoffnung nicht fahren: Die Menschheit sei durchaus zu jenem dringend benötigten, moralischem Fortschritt fähig, den er hier eindringlich anmahnt. Gewisse universale Grundwerte, die für alle Menschen gelten, seien einfach nicht verhandelbar. Ebenfalls unbestreitbar scheint sein Credo: Wir bedürfen dringend eines innovativen Konzepts der Kooperation von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, dass uns tragfähig in eine erstrebenswerte Zukunft führt.

Markus Gabriel: „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten – Universale Werte für das 21. Jahrhundert“. Ullstein Verlag, 368 Seiten, 22 Euro.

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