Kolumne Zett.

WM-Kolumne: Anblasen!

Lange Gesichter bei einem Public Viewing am Sonntagabend in Freiburg. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 17. Juni, 2018 | 21:35


WM-Kolumne Zett. 18. Juni 2018

von Arne Bicker

Elf Spiele, 25 Tore – die WM hat Fahrt aufgenommen. Die Favoriten legten indes nicht gerade mit einem Leistungsfeuerwerk los: Spanien und Portugal (3:3), Argentinien mit einem 1:1 gegen Island und Brasiliens 1:1 gegen die Schweiz – es wird einem nichts geschenkt. Noch größer war nur das Understatement unserer deutschen Mannschaft. Das 0:1 gegen Mexiko setzte das Tauchboot von Kaleun Löw von Null auf Hundert unter maximalen Außendruck.

Wie konnte das passieren? Löws Annahme, die äußerst schwachen Leistungen in der Vorbereitung würde man mit Turnierbeginn traditionell wegpulverisieren, traf diesmal nicht zu. Es war wohl eine verkappte Rache der Holländer, denn Mexikos Torschütze Hirving Lozano hat sein Tor gegen Deutschland fleißig in Eindhoven eingeübt. Und die mexikanische WM-Vorbereitung in Form einer Riesensause mit 30 Escort-Damen kurz vor dem Abflug – vergleichslos.

Ob das der Grund war, warum die mexikanischen Angreifer überfallartig ausschwärmten wie die Lemminge und Schlussmann Guillermo Ochoa raketengleich in den Nachthimmel emporstieg, um einen geradezu malerischen Kroos-Freistoß zur Hölle zu jagen – wer weiß das schon. Die deutsche Mannschaft litt dann – aus meiner Sicht – zusätzlich darunter, keinen Nils Petersen als Joker einwechseln zu können. Und so schnappte uns die schnellste Maus der Welt den Käse unter der Nase weg. Samstag Schweden, bis dahin nicht reden!

Blicken wir lieber auf die Super-Duper-Stars dieser WM. Argentiniens Lionel Messi verschoss einen Elfer gegen Islands Torwart Hannes Thor Halldorsson, der im Nebenberuf Filmemacher ist und sich dem Ball mit der Präzision eines Gletschers entgegensenkte – ein Oskar für den besten ausländischen Streifen! Brasiliens Neymar scheiterte kurz darauf an den Schweizer Alpen, strich dafür aber mit Kalkül und auf Anhieb den Ehrenpreis für die extrovertierteste WM-Frisur ein. Seine Mischung aus Leningrad Cowboy und Storchennest mit Spannlack hielt bis zu einem Kopfball in der 88. Spielminute; erst danach hing das Gewusel auf halb acht.

Bliebe Christiano Ronaldo. Der Portugiese startete mit einem Bein im Gefängnis in die WM – und erzielte mit dem anderen drei Tore gegen Spanien. Kein Wunder: Der 33-Jährige war erst kurz vor Turnierbeginn von einem spanischen Gericht zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung und 18,8 Millionen Euro Nachzahlung wegen Steuerhinterziehung verdonnert worden.

Nur so zum Vergleich: Am 2. Juni 2014 musste der deutsche Ex-Nationalspieler Uli Hoeneß de facto ins Landsberger Gefängnis einrücken; der Bayern-Boss hatte 28,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen und kam erst nach Ablauf von 21 Monaten einer zunächst auf dreieinhalb Jahre veranschlagten Haftstrafe frei.

Wo war ich? Ronaldo. Der will jetzt das undankbare Spanien verlassen, wobei Real Madrid die vertraglich festgeschriebene Ablöse von einer Milliarde Euro schon auf 200 Millionen heruntergeschwurbelt hat. Doch die daneben noch fälligen 50 Millionen Euro Gehalt pro Jahr stürzen auch die angeblich interessierten Clubs PSG und ManU ins Nachdenken. Was wir Deutschen – und da schließt sich der Kreis – bis Samstag ganz, beziehungsweise dem Nationaltrainer überlassen sollten. Um eventuell noch gegen Ronaldo, Neymar, Messi oder Halldorsson spielen zu dürfen, brauchen wir jetzt Ruhe und Schussglück.

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