Kolumne Zett.

WM-Kolumne: Der Bauch ist rund

Untersuchungen ergaben: Beim Fußball lassen sich nicht alle Risiken minimieren. Screenshot: culturepub.fr

Veröffentlicht am 26. Juni, 2018 | 20:36


WM-Kolumne Zett. / 27. Juni 2018

von Arne Bicker

Ist es das, was uns am Mittwochnachmittag gegen Südkorea erwartet? Argentinien würgt gegen Nigeria ein 2:1 aus, eine Achterbahnfahrt, ein Himmelfahrtskommando des über-ober-nervösen Finalisten der zurückliegenden WM in Brasilien, Millionen Menschen aus beiden Lagern plus unbeteiligte Dritte am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Dazu scheinbar willkürlich hingewürfelte Elfmeter und Nicht-Strafstöße, das Aufflackern einer neuen Regel, dass, wenn der Ball vom eigenen Kopf an den ausgestreckten Arm springt, es kein Handspiel ist, ohlala!

Was wir jetzt brauchen, ist Zuversicht, dass unsere Schwarz-Weiß-Fernkicker gegen den Underdog aus Südkorea nicht das Muffensausen bekommen oder irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen oder hypernervös tatsächlich erfoulten Elfmeter. Was sagten die Helden in spe nach dem (= vor dem) Spiel? „Die Grundstimmung der Riesenlast ist im Abschluss des Mankos ein Anrennen der Mentalität.“ – Zugegeben, hier habe ich einzelne tatsächlich gefallene Begriffe aus Statements von Reusgomezbierhoffmüllerkroos zusammengewürfelt, um dezent auf die Willkürlichkeit eines Spielausgangs ohne Herstellergarantie hinzuweisen.

Keine Angst, rufe ich mir deshalb selbst zu, und lenke mich ab, indem ich ein abseitiges Bild hervorkrame, dass ich am Dienstagabend sah: Diego Maradona, wie er nach dem 2:1 für Argentinien spontan zwei Stinkefinger in den Himmel über St. Petersburg reckt. Frage am Rande: Wurde so vielleicht, so rein architektonisch, seinerzeit bei ein paar Humpen Bier der Kölner Dom erfunden? Nee, kann nicht sein, damals gab es ja noch keine WM.

Man vergaloppiert sich leicht. Wie sagte Jogi Löw im ARD-Interview nach dem fast zu keiner Zeit gefährdeten Sieg gegen die Tre Kronors? „Wichtig war, ruhig zu bleiben.“ Was doch gerade auch dem Bundestrainer zuvor nicht wirklich gelungen war, vor allem nicht nach dem Siegtreffer in der fünfundneunzigsten aller Spielminuten.

Eine geradezu gespenstische Ruhe bewiesen hingegen traditionell neutral-distanzierte Medien. In der Einzel-Spielerkritik nach dem Schweden-Spiel schrieb ‚Spiegel online‘: „Ilkay Güdogan, Mittelfeld: […] Er wirkte sehr zurückgenommen, aber war nach hinten durchaus aufmerksam – genau das, was der Mannschaft zuletzt gefehlt hatte. Man kann sagen, es war seine Aufgabe, sich nicht allzu viel zuzutrauen.“

Krawumm. Wer denkt sich solche Sätze aus wie diesen letzten? Warum fällt mir so was nicht ein? Ich versuch’s mal: „Es war Mario Gomez‘ Pflicht, bei Flanken von rechts nicht über seine eigenen Füße zu stolpern. Er war stets bemüht, diese Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit der daheimgebliebenen Futonisten zu erfüllen, sofern er pünktlich im Fünf-Meter-Raum zur Arbeit erschien.“

Na, also, geht doch! Wenden wir uns dem Faktischen zu: Mit Frankreich – Argentinien (Samstag, 16 Uhr), Uruguay – Portugal (20 Uhr), Spanien – Russland (Sonntag, 16 Uhr) und Kroatien – Dänemark (20 Uhr), stehen die ersten vier Achtelfinalduelle fest. Alle Favoriten der Gruppen A bis D kamen durch, lassen grüßen und sich gerade von ihren Analytikern die jüngst erlittenen Psychosen wegdiskutieren.

Leider ist damit die mathematische Wahrscheinlichkeit, dass nun einer der Favoriten aus den Gruppen E bis H rausfliegt, enorm gestiegen, zumal in der Gruppe G die Favoriten Belgien und England mit jeweils sechs Punkten auch schon durch sind. Wir könnten jetzt einen Trick anwenden und Polen (Letzter in der Gruppe H mit 0 Punkten) zum Favoriten erklären, der eventuell leider ausscheiden könnte. Oder wir ändern durch einen Erlass des Heimatministers das Alphabet ab und verlegen den Buchtsaben unserer Gruppe F nach vorne zwischen B und C.

Als politisches Zugeständnis könnte dann von mir aus das K wie Kruzifix noch vor dem A wie Agnostiker und das O wie Obergrenze vor dem I wie Integration kommen, also: K, A, B, F, C, D, E, G, H, O, I, J, L, M, N, P … und so weiter. Für das Z wird noch ein Sponsor gesucht. Oder wir drücken einfach die Daumen, dass es, wenn, dann Brasilien erwischt – die sind das doch gewohnt.

Die Risiken und Nebenwirkungen vor dem Spiel Deutschland gegen Südkorea vermag beispielhaft kaum etwas besser auszurücken als dieses französische Gesundheits-Video aus dem Jahr 1999:

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