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Tolle Komödie „Heil“

Johnny (Jacob Matschenz, 1.v.l.) Sven Stanislawski (Benno Fürmann, 3.v.l.) und Kalle Schulze (Daniel Zillmann, 4.v.l.) haben Sebastian Klein (Jerry Hoffmann, 2.v.l.) entführt. Foto: rbb / X-Verleih

Veröffentlicht am 30. November, 2018 | 23:46


Es ist eine große Kunst, zeitgemäße Komödien zu drehen, die dann auch noch wirklich witzig sind und sogar beim zweiten Anschauen zunächst übersehene Pointen bereithalten. Dem Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann ist dies gelungen: Noch bis zum 7. Dezember 2018 ist in der ARD-Mediathek der Film „Heil“ aus dem Jahr 2015 zu sehen. Zu den Hauptdarstellern gehören mit Benno Fürmann und Liv Lisa Fries auch zwei Stars der TV-Serie „Babylon Berlin“.

Die temporeiche und zum Teil irrwitzig realitätsnahe Gesellschaftssatire „Heil“ ist brandaktuell und sehr sehenswert. Sie erzählt von dem gefeierten afrodeutschen Autor Sebastian Klein, der auf einer Lesereise in das ostdeutsche Örtchen ‚Prittwitz‘ im brandenburgischen Niemandsland von den ortsansässigen Neonazis entführt wird. Nach einem Schlag auf den Kopf tingelt der Autor Nazi-Parolen dreschend durch die Talkshows. Ein „Schwarzer“, der gegen Integration wettert – die Öffentlichkeit ist aus dem Häuschen.

Nazi-Anführer Sven Stanislawski (Führmann) sieht sich auf dem Erfolfsweg, kann aber bei seiner Angebeteten, der Nazibraut Doreen, nicht punkten wie erhofft. Die will Taten sehen. Historische Taten. Und so rüstet Sven seine Leute zum großen Showdown – während beim Verfassungsschutz die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Sebastians schwangere Freundin Nina Schmidt (Fries) versucht derweil mit allen Mitteln, ihren Freund aus den Händen der Nazis loszueisen.

Der Film zieht alle durch den Kakao: Die alten rechtsradikalen Schläger und die neuen, sich harmlos gebenden „Nazi-Hipster“, kurz „Nipster“, die liberalen Intellektuellen mit ihren Denkverboten, die Antifa mit ihren Schwarzweiß-Feindbildern, den Verfassungsschutz mit seinen gut bezahlten Spitzeln, den Kulturbetrieb, mediale Arbeitsweisen und die erregungsgeile Öffentlichkeit –

Filmemacher Dietrich Brüggemann sagt zu seinem Film: „Satire erscheint mir die einzig mögliche Form, der komplexen Realität überhaupt irgendwie filmisch habhaft zu werden.“ Verarbeitet hat er eigene Beobachtungen: „Einerseits eine unglaubliche Wurstigkeit, ein Wegschauen und Sich-Arrangieren bis hin zur Komplizenschaft auf Seiten von Politik und Behörden […]. Auf der anderen Seite eine unerhörte Empfindlichkeit. […] Und dann wiederum findet man quer durch die Lager eine furchtbar engstirnige Rechthaberei.“

 

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