Satire

Ultimativ: Was ist das beste Ratgeber-Buch von allen?

Folterhölle Buchhandlung: Die Qual der Wahl kann einen auffressen. Foto: Tom Teuffel

von Tom Teuffel

Verspüren Sie auch diese Lust auf einen kleinen, konzertierten Selbstumsturz und Neubeginn zum Anfang des Jahres 2020? Da das mit den ‚guten Vorsätzen‘ erfahrungsgemäß nicht so einfach ist, lege ich mich vorsichtshalber erst mal noch nicht fest. Aber ich kenne den Lösungsweg: Ich suche mir ein richtig gutes Ratgeber-Buch. Dann ziehe ich mit autodidaktischer Hilfestellung eine fundierte, positive Selbstbeauftragung für einem Teilreboot des Ich durch. Yes. Allein schon mit diesem Entschluss fühle ich mich gut.

Das hält exakt so lange, bis ich dieser freundlichen Dame am Infoschalter im Erdgeschoss der Buchhandlung gegenüberstehe. Sie scheint, komischerweise, bereit um mich zu kämpfen – merkwürdig. „Lebensratgeber? Was meinen Sie damit? Ratgeber für Hobbys und Garten haben wir im ersten Stock.“ Nein, Lebensratgeber, mehr so allgemein. Jetzt schlägt ihr Blick final in blankes Mitleid um. „Dann im zweiten Stock.“ Dass sie mir nicht hinterherruft ‚Gute Besserung!‘ spricht für ihre Selbstdisziplin – oder ihre Höflichkeit. Mein Magen fühlt sich an, als kämen Rauchschwaden aus meinen Ohren. Nee, gar nicht gut.

Egal, tatsächlich weiß ich ja gar nicht so recht, wonach ich suche. Ein Ratgeber-Buch mit dem Titel „Besser Nachschlagen – So finden Sie den richtigen Ratgeber in einer gut sortierten Buchhandlung“ gibt es nicht. Oder ich finde es nicht. Nicht auf Anhieb. Dafür tausend andere. Das meine ich wörtlich.

Hier, leuchtend gelber Umschlag, springt ins Auge und in die Hand: „Raus aus den alten Schuhen! So gibst du deinem Leben eine neue Richtung“. Zur Sicherheit ist gleich ein Foto des Autors mit auf dem Titel: Denkerpose, Hand am Kinn, und er lächelt, milde, nein, schelmisch. Schelmisch? Warum schelmisch? Worüber oder worauf freut er sich so? Über meine bevorstehende Kaufentscheidung? Und warum hat die Überschrift ein Ausrufezeichen, der Untertitel aber gar kein Satzzeichen am Ende? Fehlt da nicht was? Das Buch erscheint mir auf einmal schon auf dem Titel unvollständig bis inkonsequent. Da lasse ich lieber die Finger davon.

„Das kann weg! – Loslassen – Aufräumen – Freiräume schaffen“ wäre vielleicht ein geeigneter Kandidat fürs neue Jahr. Aber auf dem Titel ist ein Fuchs oder ein Dachs mit einer Kiste Krimskrams abgebildet – so richtig erkennen kann ich das nicht. Ein Hamster wird’s wohl eher nicht sein. Ein Tierbuch? Und ist das nicht viel zu spezifisch? Ich meine Aufräumen, Wegschmeißen, und dafür gleich ein ganzes Buch? Um die Zeit totzuschlagen bis der Sperrmüll kommt? Und habe ich beim Kauf nicht in jedem Fall gleich mal noch ein Besitztum mehr? Ist das nicht kontraproduktiv? Gilt Nicht-Kaufen eigentlich auch als Wegwerfen? Ich trenne mich erfolgreich von dem Gedanken an dieses Buch.

Jetzt aber, der große Wurf: „Das Kind in dir muss Heimat finden [Absatz] Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme“. Keine Satzzeichen. Schlüssig. Und inhaltlich allumfassend. Alle Ratgeber in Einem. Aber. Ich spüre, wie ich seufze: Die Autorin scheinen schwerste Selbstzweifel zu plagen. Warum sonst schreibt sie das „(fast)“ in Klammern? Und dieser Dame soll ich mich restlos anvertrauen, obwohl ich doch selbst voller Zweifel bin, welches Buch ich kaufen soll? Nein, das wohl auch eher nicht.

Dafür bin ich jetzt misstrauisch. Ich hätte den erstbesten Ratgeber kaufen sollen und Zack! Den mit ohne die alten Schuhe. Aber nein. Das habe ich jetzt davon. Wäre ich doch nur selbstbewusster. Aber dann stünde ich nicht hier. „Hausbau mit Bauträger – Das Bauherren Handbuch: Fallstricke vermeiden, souverän auftreten und mit Leichtigkeit zum Eigenheim“ lockt mich schon nicht mehr. Noch dazu fällt mir ein, ich bin Mieter. „Ich glaube, der Fliesenleger ist tot! Ein lustiges Baubuch.“ Wenigstens kann ich wieder lächeln. Geht doch. „Du bist genug: Vom Mut, glücklich zu sein“ – ist das eigentlich grammatikalisch richtig? „Du musst nicht von allen gemocht werden: Vom Mut, sich nicht zu verbiegen“ – da kenne ich viele, vor allem Nachbarn, Rad- und Autofahrer, die das beherzigen. Klingt also irgendwie überflüssig.

Und hier, das muss ein Rheinländer geschrieben haben: „Wie Sie mit jedem ins Gespräch kommen und neue Freunde gewinnen: Kleine Tricks für großen Erfolg in Beziehungen“. Aber muss ich gleich mit jedem eine Beziehung führen, mit dem ich ins Gespräch komme? Und wenn ich seit 25 Jahren verheiratet bin, kann ich meine Frau dann nicht auch einfach so ansprechen? Ich meine, ohne Buch?

Vor lauter Nachdenken über diese Frage lege ich die beiden Titel „Das Leben ist zu kurz für später: Ein Gedankenexperiment, das dein Leben verändern wird“ und „Hör auf ein totes Pferd zu reiten: Werde zum Meister der Veränderung“ wieder weg, ohne mich ernsthaft damit zu befassen. „Abenteuer Vertrauen – Vollkommen, aber nicht perfekt – Was Menschen von Hunden lernen können“ – das könnte doch passen! Vollkommen unperfekt bin ich. Oder ist das ein Schreibfehler, und die Autorin meint einen verkommenen Präfekt, der seine Hunde nicht rechtzeitig füttert?

„Lass Konfetti für dich regnen: Sei glücklich, nicht perfekt!“ Was für ein wuchtiger Titel! Wenn ich, sagen wir an der Straßenbahnhaltestelle, selbst Konfetti über mich werfe – ob die mich dann wegsperren? Wegen Umweltverschmutzung, Aszendent Wahnvorstellung? „Perfekt sein muss nur, wer sonst nichts kann: Lockerungsübungen für Frauen ab 50“. Ah, endlich mal ein Buch, das mich klar erkennbar rein gar nichts angeht.

„Sei glücklich, nicht perfekt: Wie ich aufgehört habe, mich ständig verbessern zu wollen, und angefangen habe, zu leben“. Das stammt von einer Fitness-Youtuberin, die erst mal alle mit Videos überzeugen wollte, es ihr nachzutun, und die nun die gleichen oder andere Menschen schriftlich berät, wie sie „die Schattenseiten ihrer verbissenen Selbstoptimierung“ wie „Essstörungen, Anabolikamissbrauch und Fitnesssucht“ hinter sich lassen können. Wendepunkt bei der Autorin war laut Buchbeschreibung ein psychischer Zusammenbruch. Wenn das nicht authentisch ist.

Und hier, noch so ein Hammer: „Der perfekte Augenblick: Leben mit mehr Glück, Erfolg und Stärke“. Endlich mal einer, der im Hier und Jetzt nicht künstlich unperfekt sein will! „Der Unternehmer und prominente Investor des VOX-Formats ‚Die Höhle der Löwen‘ war Stuntman, brach Weltrekorde als Bungeejumper und macht mit seinem Unternehmen Umsätze in Millionenhöhe. Ob beim Fallschirmspringen, Fassadenklettern oder meditativen Yoga: Er weiß aus Erfahrung, wie wichtig es ist, in jedem Moment achtsam zu sein.“ Ach, es geht um Achtsamkeit beim Fassadenklettern. Nee, das ist für mich auch nicht das richtige.

Es ist ungemein schwer, ein passendes Ratgeber-Buch herauszufischen aus dieser Sintflut. Jedenfalls scheint das Ratgeber-Buch-Schreiben lukrativ zu sein. Vielleicht sollte ich selbst eins schreiben? Oder am besten gleich zwei, mit denen ich auch die jeweilige Gegenposition gleich mit abdecke? Ich sitze im Café der Buchhandlung, ebenfalls im zweiten Stock, und mache mir Notizen.

Also, der erste Ratgeber könnte heißen: „Durchblick durch Ordnung – Warum eine gute Planung das Leben so leicht macht“ Der zweite Ratgeber könnte dann heißen: „Lass das Chaos in dir zu – Lebensfreude lässt sich nicht erzwingen“. Oder ich verdichte beide Sichtweisen gleich zu nur einem Titel: „Lass das Chaos los – Warum keine Ordnung auch keinen Sinn macht“. Oder so. Mir schwirrt der Kopf. Das wird nichts, lieber wieder zurück an die Regale.

„Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“. Dieses Buch hat als einziges keinen ergänzenden Subtitel. Stark, die reinste Askese. Und selbstbewusst, das sollte vielleicht mal die Autorin von dem „(fast)“ in Klammern lesen. Ich merke mir vor, eine entsprechende Mail an ihren Verlag zu schreiben. Und hier ein Autor, der offensichtlich wie am Fließband seine naturgegebene Sinnkrise wegschreibt: „Bin ich schon alt – oder wird das wieder?: Älter werden für Ungeübte“. Und: „Bin ich psycho oder geht das von alleine weg? Erste Hilfe für die Seele“. Plus: „Pfeif drauf – morgen hast du’s eh vergessen!: Vom Vergnügen, entspannt alt zu werden“. Ob das Rabatt gibt?

Oder hier, frech gewinnt: „Der geile Scheiß vom Glücklichsein: Wie man das Glück nicht sucht und trotzdem findet“. Sind da 200 leere Seiten drin? Nicht suchen mit Anleitung, wie soll das gehen? Und wie nur hat mich dieses Buch gefunden? Hat das etwas zu bedeuten? Schnell weiter: „Charisma Mensch: Das revolutionäre 6 Wochen Programm für magische Ausstrahlung und eine Körpersprache der Königsklasse“. König werden ohne Bindestriche, quasi ohne eine Bindung einzugehen, sinniere ich, und mir fällt noch ein Titel ein: „Sechs muss man nicht ausschreiben – einfach mal machen.“ Guuut.

Inzwischen bin ich bei den seichten Romanen gestrandet. Aber klar, das verständnisvolle Ratgeber-Sachbuch grenzt natürlich an den heiteren Zeitgeist-Roman. Beziehungsweise, es geht nahtlos in diesen über: „Wenn Schmetterlinge Loopings fliegen“ und „Morgen mach ich bessere Fehler“ – geschenkt. „Es muss ja nicht perfekt sein“ – da fehlt mir inzwischen einfach die Ratgeber-Unterzeile. Hilfe, ich bin schon subtitelsüchtig!

Und das hier, fast schon philosophisch, betrifft als Roman ja auch andere, nicht mich: „Meistens kommt es anders, wenn man denkt“. Ist das zweite nicht eine zwingende Voraussetzung für das erste? Hm. Dann doch lieber zurück zu den Ratgebern. „Die Gaben der Unvollkommenheit – Lass los, was du glaubst sein zu müssen und umarme, was du bist“. Na also, es geht doch. Klingt gleich schon viel einfühlsamer als so ein lustlos dahingerotzter Romantitel. Das kaufe ich. Vielleicht.

Aber zunächst mal werde ich zuhause vor dem Spiegel üben, zu umarmen, was ich zu sein glauben könnte, würde ich mit einer Körpersprache der Königsklasse beim Fassadenklettern auf einem (fast) toten Pferd äußerst achtsam bessere Fehler machen.

Dezenter Hinweis: Alle hier genannten Ratgeber-Buchtitel finden Sie im gut sortierten Buchhandel.

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