Kultur

Freiburg macht Feierabend

Social Distancing will gelernt sein. Foto: Anna Henschel

Veröffentlicht am 20. März, 2020 | 19:27


von Anna Henschel

„It’s the end of the world as we know it“ – wer den Endzeit-Song von REM aus dem Jahr 1987 nicht kennt, wird vermutlich erst nach der Wende das Licht der Welt erblickt haben und Einschränkungen der persönlichen Bewegungsfreiheit nur aus Erzählungen oder dem Fernsehen kennen. Ich erinnere mich auch noch, dass der Song in den 1990ern oft als Rausschmeißer auf Parties gespielt wurde. Für die eingeschränkte Ausgangssperre gibt es wohl keine treffendere Hymne.

Dass die aber nicht ausreichen wird, um der Ausbreitung von SARS-CoV-2 einen Riegel vorzuschieben, ist nicht zuletzt Folge einer Haltung, die für uns Europäer selbstverständlich ist: uns frei zu bewegen, zu reisen, uns zu versammeln, wo, mit wem und wann immer wir wollen. Gewohnheit eben, und die liegt in der Natur des Menschen.

Aber ebenso liegt es in unserer Natur, uns schnell an neue Umstände anzupassen, auch wenn sie einen radikalen Kurswechsel erfordern. Hier können wir beweisen, wie ’survival of the fittest‘ im Jahre 2020 funktionieren kann. Die Generation „Fridays for Future“ hat noch vor einiger Zeit gezeigt, wie stark sie für ihre Zukunft einstehen können – mit Massendemos und Solidaritätsaufrufen. Heute hält Greta die Füße still und ruft von Zuhause aus zu Online-Demos auf.

Eigentlich hätte ich mir gewünscht, dass sie als Influencerin der jungen Generation mit ihrem Verhalten explizit dazu aufruft, daheim zu bleiben – aber geschenkt. Das ist eine Transferleistung, die man der Generation XYZ durchaus zutrauen dürfte, auch wenn sie ihre Reifeprüfung dieses Jahr vielleicht verzögert. Umso mehr Zeit, sich von jenen inspirieren zu lassen, die von ihrer Inspiration bald nicht mehr leben können: den Künstlern.

Die Kunst bohrt in Zeiten der Krise oft ein Stachel in die Wunde der Realität, sie hat aber auch das Potenzial, uns neue Perspektiven aufzuzeigen, um mit der Realität überhaupt erst fertig zu werden. Wir brauchen sie im „Augenblick des höchsten Glücks und der höchsten Not“, wie Goethe, einer der größten seiner Zunft, einmal sagte. Wenn Kunst kreatives Schaffen und den Einsatz von Phantasie bedeutet, gibt es durchaus gute Beispiele, an denen sich jeder orientieren kann.

Die Not ist dieser Tage kaum anderswo dramatischer als in Italien. Hier haben Filmemacher aus Mailand Italiener*innen gebeten, eine Botschaft an ihr zehn Tage jüngeres Ich zu formulieren – und damit an uns. Hier wird die Gegenwart rückwärts gedacht und unsere Lernfähgkeit auf die Probe gestellt: schaffen wir es, aus den Fehlern der anderen zu lernen oder müssen wir den Schmerz selbst durchleben, damit wir umdenken.

Wie die Welt aussehen könnte, wenn man die Zukunft rückwärts denkt, zeigt uns Matthias Horx in seiner Kolumne „Future Mind“. Aber Vorsicht: der Zukunftsforscher formuliert Utopien für Optimisten. Und erinnert uns daran, dass wir durchaus in der Lage sind, uns die Welt zu machen wie sie uns gefällt. Oder sagen wir, wie sie uns gefallen könnte, wenn wir unsere Handlungsräume im Hier und Jetzt wahrnehmen.

Nicht umsonst ist „Die Pest“ von Albert Camus zur Zeit in Frankreich und Italien aus aktuellem Anlass ein Bestseller: Es zutiefst ironisch, dass das Buch direkt nach dem 2. Weltkrieg erschien und eine Stadt am Meer beschreibt, die von einer Krankheit heimgesucht wird. Nur wer solidarisch ist, hat Chancen zu überleben. „Das Buch handelt von einer Gesellschaft, die neu denken muss“, heißt es im entsprechenden Beitrag der 3sat-Sendung „Kulturzeit“ vom 18. März.

Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger formulierte das auf ihrer Facebook-Seite so: „We might need to reinvent ourselves, don’t spend too much time waiting, it’s not really a pause, it’s a change of system.” Was sie eigentlich an ihre Künstlerkollegen richtet, gilt im Grunde für uns alle.

Um unseren Hintern zu retten (oder ihn in Form zu halten) müssen wir aber nicht Künstler, Zukunftsforscher oder Literaten werden. Es reicht schon, wenn wir erstmal die Füße stillhalten, durchatmen und einfach nur ein bisschen lokaler denken, als bisher. Wer keine Lust hat, zu Hause Langeweile zu kultivieren, kann gerne mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, jenen zu helfen, die auf wirklich Hilfe brauchen. Dafür muss man unter Umständen noch nicht mal aus dem Haus: Auf dem Nachbarschaftsportal „nebenan.de“ sieht man, wer in der direkten Umgebung Unterstützung beim Einkaufen benötigt, Kinderbetreuung anbietet, Hausmittel gegen Husten empfiehlt oder Himbeerpflanzen zu verschenken hat.

Keinen grünen Daumen? Mikro-Balkon? Macht nichts: vom 20-29. März läuft ein kostenloser „Online-Bio-Balkon-Kongress„. Eine bekannte Berliner Balkongärtnerin interviewt Experten zum Gärtnern auf kleinem Raum und zur ganzjährigen Selbstversorgung und verteilt über ein Gewinnspiel viele nützliche Utensilien. Wer keinen Bock auf Gärtnern hat, weil spätestens nach der Krise das ganze Grünzeug wieder eingeht, der kann seinen Daumen auch nutzen, um ein neues Instrument zu lernen und eine virtuelle Band gründen (hat bei den Gorillaz super geklappt).

Youtube ist nämlich nicht nur voll von Lieblingsliedern, sondern auch von Tutorials für Leute, die schon immer mal „It’s the end of the world as we know it“ lernen wollten, aber das Wochenende meist doch mit ihren Freunden beim SC Spiel gelandet sind. Und weil Kicken jetzt auch nicht mehr ist, die Spieler aber noch zu leben scheinen, liegt die Vermutung nahe, dass sie auf alternative Quellen der Beschäftigungstherapie gestoßen sind.

Auf der Facebookseite des SC Freiburg geben Brandon Borrello, Roland Sallai, Dominique Heintz und Robin Koch ein paar Inspirationen, die vielleicht auch bei dem ein oder anderen Leser eine Kaskade an Assoziationen auslösen. Das sollte ausreichen, um zumindest eine To-do-Liste für die kommenden zwei Wochen Betretungsverbot-Ausgangssperre in Freiburg zu machen. Sollten wir dabei die Zeit vergessen, haben wir wohl vieles richtig gemacht.

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