Kultur

Abenteuer Girokonto

Ein beschwerlicher Weg: Krückstrock und Kontounterlagen. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 22. November, 2018 | 15:30


Kolumne Zett. Von Arne Bicker

Wann haben Sie zuletzt ein Girokonto eröffnet? Bei mir ist es eine Weile her. Einige Jahrzehnte wohl. Seit einiger Zeit erhalte ich von meiner Bank sehr regelmäßig den Hinweis, dass ich für die Werbung eines Girokonto-Neukunden gleich zwei tolle Prämien statt einer erhalten würde: Zwei Rollkoffer zum Beispiel oder zwei Mal 50 Euro. Was ich nicht erfuhr: Da wartet ein langer Marsch.

Ein Freund, aktiver Naturwissenschaftler mit Doktor-Titel und gebürtiger Freiburger, etwas über 60 Jahre alt und aufgrund einer Hüfterkrankung gehbehindert, bat mich, ihm bei der Eröffnung eines Girokontos zu helfen. „Da gibt es hundert Euro Prämie, davon können wir richtig lecker essen gehen“, versprach ich ihm und bat ihn, mit mir die Freiburger Filiale meiner Bank aufzusuchen.

Mein Freund, der im Freiburger Umland lebt, parkte das Auto am Rande der Innenstadt, bestellte ein Taxi, und wir trafen uns Punkt 15 Uhr bei meiner Bank. Ein Kunde befand sich im Servicebereich sowie mehrere Bankmitarbeiter, von denen zwei telefonierten. Ich sei Kunde der Bank und mein Freund wolle hier gern ein Konto eröffnen, sagte ich. Der sehr freundliche Bankmitarbeiter antwortete, so einfach gehe das leider nicht, hierzu müsse ich einen Termin vereinbaren, die Wartezeit betrage mehrere Wochen.

Oh, das habe ich nicht gewusst, entgegnete ich wahrheitsgemäß, ob man das denn nicht doch gleich machen könne, der Freund sei schließlich extra gekommen, gehbehindert und wohne im Umland. Ich zeigte auf den wackeligen Herrn mit dem Krückstock. Nein, das sei leider nicht möglich. Es sei arg viel Papierkram, ganz anders als früher, das dauere seine Zeit, und ohne Termin gehe das nicht. Eben weil die Bank diese Prämie ausgelobt habe, komme man mit den Neuanträgen kaum hinterher, das Programm erfreue sich extrem großer Beliebtheit.

Ich sah mich nochmals in der Bank um. Kein Kunde an den Beraterplätzen, mein Freund und ich sowie eine Kundin am Kassenschalter die einzigen Besucher. Ob man nicht eine Ausnahme machen könne, schließlich seien wir extra hierhergekommen. Nein, Termin oder gar nicht, da sei leider nichts dran zu ändern. Ich könne das allerdings von zuhause aus online machen, das empfehle er mir sehr, gerade weil es ganz einfach sei, mein Freund müsse dann lediglich zur Ausweisverifizierung noch einmal vorbeischauen.

Ich schöpfte Hoffnung. OK, online, geht klar, und den Ausweis hat er ja extra jetzt schon mitgebracht, ob man da wenigstens die korrekte Identität schon mall festhalten könne? Nein, das ginge nicht, alle Schritte müssten in der richtigen Reihenfolge absolviert werden, aber es gebe da eine Geischtsprüfungs-App der Bank, die müsse man nur installieren – allerdings habe mein Freund in seinem Alter vielleicht kein Smartphone, das könne man dann aber in der nötigen Videokonferenz mit einem Bankberater auch von meinem Smartphone aus machen.

Ich staunte und vergaß zu fragen, ob man für den App-Kontakt auch einen Termin benötige. Auf jeden Fall online, das empfehle er mir sehr, wiederholte der Bankberater, und damit reichte mir der freundliche Mann ein Faltblatt meiner Bank, mit den Prämien und allen Infos. Ich brachte meinen Freund zum nächsten Taxistand und traf mich mit ihm in meinem Büro. Online füllte ich für ihn den Antrag aus; es dauerte keine fünf Minuten. Ich druckte alles aus.

Er müsse gar nicht nochmal zur Bank mit seinem Ausweis, sagte ich meinem Freund nach Sichtung der Unterlagen, er könne bei jeder Postfiliale per Postident-Verfahren seine Identität bestätigen lassen. Prima, dann fahre ich jetzt eben zur Post, sagte er, da kann man ja auch parken. Ob er den Prospekt von der Bank haben wolle, fragte ich ihn. Nein, den brauche er nicht, sagte mein Freund, und humpelte langsam mit den Papieren davon.

Ich blätterte den Prospekt durch. Meine Bank sei „Deutschlands beste Filialbank!“, stand da, mit „bester Beratungsqualität und ausgezeichnetem Service.“ Und: „Wir sind für Sie da, wann und wo immer sie es wollen.“

 

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