Kultur

Am Telefon: Poesie trifft Pandemie

Poesie trifft Pandemie. Screenshot: www.annsambell.com

Veröffentlicht am 28. Mai, 2020 | 09:34


von Arne Bicker

Das Telefon klingelt pünktlich um 21 Uhr. In der Leitung ist Philipp Nägele, Schauspieler. Er verkörpert in diesem Moment das Projekt „Poesie trifft Pandemie“ der Schauspielgruppe „ANN SAM BELL“, die auf ihrer Webseite verspricht, „in Live Art Projekten die Poesie in der Politik und den Humor in der Misere, sowie umgekehrt“ zu untersuchen. Vom 18. bis 31. Mai 2020 darf man kostenlose Telefontermine vereinbaren – ein Schauspieler werde dann anrufen.

„Poesie trifft Pandemie ist ein Angebot für alle, die mitten in der Pandemie mehr Poesie brauchen“, heißt es im Home-Acting-Angebot. Doch was passiert da am Telefon? Spielt mir ein Schauspieler einen Virologen vor? Werden impromäßig Schüttelreime aus dem Ärmel geschüttelt? Nein, alles halb so wild. Ich könne mir ein Gedicht vorlesen lassen, erklärt Nägele am Telefon, Borchert, Heine oder Rilke hätte er da, oder einen Auszug aus einem noch nicht veröffentlichten Theaterstück von Nelly Winterhalder, die 2019 „ANN SAM BELL“ gegründet hat.

„Jedes Gespräch bei Poesie trifft Pandemie ist ein persönliches, es läuft daher auch immer anders ab“, schreibt mir Nelly Winterhalder per E-Mail aus Oslo, wo sie wechselweise zu ihrer Geburtsstadt Freiburg lebt. „Der Schauspieler liest jeweils einen Text, der ihm/ihr geeignet erscheint.“

Also „Erdbeeren“, Nelly Winterhalders Stück über das Alltags- und Gefühlsleben eines Scheidungskindes. Philipp Nägele legt los:

 

Schauspiel und Poesie am Telefon – da kommt kulturelles Leben in die Bude! Zwischen 21 und 96 Jahre alt seien die Menschen, bei denen er bislang angerufen habe, erzählt Nägele, etwas mehr Frauen als Männer. Und nein, das sei kein Telefonseelsorge-Ersatz, schließlich helfe und therapiere er nicht. Aber Kultur kann doch durchaus Hilfe und Therapie sein? „So gesehen schon“, meint der Schauspieler und verabschiedet sich freundlich – der nächste Anruf ist fällig, um 21.40 Uhr.

Gegen Ende des Jahres soll „ANN SAM BELL“ auch live auf der Bühne zu sehen sein, mit dem Stück „Eine Frage des Anfangs“ (Nelly Winterhalder / Idee und Dramaturgie, Philipp Nägele / Schauspiel und Produktion, Sabine Flack – Schauspiel), am 3., 4. und 5. Dezember 2020 im E-Werk Freiburg.

 

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