Kultur

Angst? Hoffnung!

Café am Dienstag in der Freiburger Innenstadt mit neuen Abständen zwischen den Tischen. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 17. März, 2020 | 17:58


von Arne Bicker

Hat die Corona-Krise auch etwas Gutes? Na klar doch. Wir Menschen kommen zur Besinnung, vielleicht nur kurz, so steht es zu befürchten, aber immerhin. Der CO2-Ausstoß ist massiv zurückgegangen, Kreuzfahrtschiffe liegen in Häfen, der Luftverkehr ist schätzungsweise halbiert, es fahren weniger Autos auf langen Strecken durch die Weltgeschichte, Fabriken stehen still. Wir schonen die Natur, schützen unsere Erde. Wenn auch nur versehentlich.

Und auch wenn nun in China, so ist zu hören, die Scheidungsraten ansteigen, so darf doch zumindest bei uns in Deutschland mit einer krisentypischen Geburtenzunahme gerechnet werden wie sie sonst nur bei Stromausfall oder extremem Wintereinbruch vorkommt.

Während sich die einen also frohlockend um die Facharbeiter von Morgen bemühen, hat sich die Befürchtung, dass die nationalstaatlichen Grenzschließungen nun jener Hasspolitik zu Gute kommen könnten, die ähnliches aus anderen Gründen fordert, nicht bewahrheitet – so zumindest lässt sich das Ergebnis der Kommunalwahlen in Bayern vom Sonntag interpretieren.

Was noch ist positiv? Eine endlich notwendige Besinnung auf den eigenen Verstand, und daraus herleitend auf die Eigenverantwortung und jene gegenüber der Gesellschaft. Die zusätzliche und eigentlich doch selbstverständliche Zeit, die wir mit unseren Familien, Angehörigen, Freunden verbringen. Gespräche. Bücher, Zeit zum Lesen und Reden. Und Knoblauch: Wer den mag, darf endlich mal reinhauen und ganz nebenbei damit noch die eigene Gesundheit stärken.

Und Grund zum Neid auf das Nachbarland Frankreich, in dem angeblich statt Klopapier und Nudeln Rotwein und Kondome ausverkauft sein sollen, gibt es dann doch nicht. Zwei Anrufe im Elsass bestätigen: Kein Klopapier mehr in vielen Läden. Das klingt beruhigend.

Man könnte zudem den Eindruck gewinnen, die Politik höre diesmal auf die Wissenschaft. Vielleicht bleibt ein Muster zurück für die Zeit nach der Krise? Und auch die Normalbürger lernen dazu: Eine Anhäufung von Meinungen ist noch kein Wissen. Bildung – wir ahnten es schon vor der Krise – ist ein hohes Gut. Gleiches gilt für seriöse und unabhängige Medien. Die Art zum Beispiel, wie das Magazin „Der Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe „Sind wir bereit?“ (12 / 2020) über die Krise aufklärt, darf als substanziell erhellend bezeichnet werden.

Im Idealfall wird gerade das Zeitalter der Lippenbekenntnisse („Jaja, wir müssen unsere Erde schützen!“ oder „Neinnein, Geld ist nicht das wichtigste!“ oder „Dochdoch, wir sollten allen Formen systematischer Hasspropaganda ein Ende setzen!“) ein bisschen angeknackst. Auf einmal spielen Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Regionalität, Augenmaß und Respekt wieder eine größere Rolle.

Die Gier nach Geld, nach Macht über andere Menschen und nach Besitz ist gerade mal für ein paar Momente nicht der wichtigste Antriebsmotor der Menschheit – Hand hoch, wer sich daran gewöhnen könnte.

Und apropos seriöse Medien: Die Montagsausgabe der 3sat-Sendung „Kulturzeit“ hat in ihrem Aufmacherbericht des Autors Rayk Wieland Kluges verpackt. Da heißt es: „Der Ausnahmezustand ist da, ein fassungsloses Innehalten und vielleicht auch eine entsetzliche Lehrstunde, die noch vor Tagen jeder als fantastische Dystopie abgetan hätte.“ Und: „Die Krise als Chance, als Weckruf, die globalen Exzesse der Ökonomie zu stornieren, solidarischer zu leben? Das wär’s. Aber ein Virus hat keine Botschaft, oder doch? Wie ein Schreck ist es in die Menschheit gefahren, in jeden einzelnen von uns.“

Besser kann man das eigentlich gar nicht ausdrücken – deshalb hier der Nachhall. Und das Video dazu:

 

Am Beliebtesten

Nach oben
X