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Kultur

Auf Du und Du mit Priska von Martin

Schwimmender Elch von Priska von Martin. Foto: Arne Bicker

von Arne Bicker

Die Städtischen Museen Freiburg haben wieder geöffnet. Zu besichtigen sind nun auch mehr oder minder kunstvolle Plakate aus der neuen Hygieneperiode, bunte Verzierungen der Fußböden und viel Luft in den Ausstellungsräumen. Das Kulturmagazin ZETT. hat etwas hiervon im Museum für Neue Kunst weggeatmet, pflichtgemäß durch eine Maske.

Praktischerweise bietet die sehr freundliche Museumscafé-Betreiberin Dinah Boukhalfa neben ausgezeichnetem Kuchen auch handgeschneiderte Verhüllungskunst à la Christo aus feinen Stoffen für die untere Gesichtshäfte feil – wer möchte die Ausstellung schon im Asbestentkerner-Look betreten? Kaffeetechnisch bestens vorgewärmt und mit ordnungsgemäß gedämmten Luftwegen geht es die Stufen empor zur Sonderausstellung mit Werken der 1912 in Freiburg geborenen Künstlerin Priska von Martin.

Und schon steckt der ungewohnt einsame Besucher mitten drin in einer anderen Welt, wie sie neben Fernreisen und Computerspielen wohl nur die Kunst zu produzieren vermag: Ein Elch schwimmt vorbei auf einer rostenden Stahlplatte, Amazonen galoppieren auf Zwergpferden durch sämtliche Blickachsen, Bilder ziehen vorüber wie in Zugfenstern. Dem Besucher stockt der Atem – ach ja, die Maske.

Als „Hommage“ präsentiert das Museum für Neue Kunst zahllose Arbeiten der Priska von Martin, die hier ausführlich als „Tochter der Stadt Freiburg“ gewürdigt wird – was schon darauf verweist, dass die Künstlerin nicht allzu lange im Breisgau gelebt hat. Zu Beginn der 20er-Jahre war die aus wohlhabendem Hause stammende Priska von Martin mit ihrer Familie nach München gezogen, wo sie 1942 den renommierten Bildhauer Toni Stadler ehelichte, lebte, arbeitete und ein geselliges Leben mit vielen Gästen führte.

Das Museum für Neue Kunst bereitet Priska von Martin nun bis zum 9. September 2020 die große Bühne und feiert die Künstlerin als „Wiederentdeckung“. Und das zu Recht. Von antik bis postmodern wirkende Frauenfiguren, Rentiere, Elche und Pferde aus Bronze, Gips, Aluminium oder schlichtweg als Pappkameraden, gegossen, gefertigt, gestaltet, gemalt oder fotografiert strahlen die ruhige Magie einer unabhängigen und wunderbar unprätentiösen Gedankenreproduktion aus.

Die Sammlung erscheint wie ein Ritt durch Epochen, Stile und Formate. Und dennoch wirkt die Zusamenstellung stringent, keinesfalls wirr, jedenfalls bis die Aluminium-Aliens um die Ecke schleichen – ein subjektiver Eindruck, selbstredend.

Vor allem aber sind es die Fotografien, die die Blicke bannen, eben weil sie diese auch erwidern: Mit zumeist unbewegter Mine blickt Priska von Martin dem Betrachter entgegen, fast so, als hätte sie mit all dem Gezeigten gar nichts zu tun, neben, hinter oder mit ihren Figuren, auf Schwarz-Weiß-Bildern, die in angenehmer Weise nicht nach künstlerischer Perfektion lechzen und gerade daraus ihre große Kraft schöpfen.

In den 70er Jahren wurde bei Priska von Martin eine fortschreitende Muskelerkrankung diagnostiziert; ihr 24 Jahre älterer Mann erkrankte an Demenz und bedurfte ihrer Pflege. Der Alltag im bis dahin so lebensfrohen Künstlerhaus wurde zunehmend beschwerlich, war geprägt von Schmerzen.

Eine letzte Ausstellung Priska von Martins in der Münchner Galerie Biedermann zu ihrem 70. Geburtstag wurde im März 1982 zum vorgeplanten Vermächtnis. Wenige Tage nach der Eröffnung nahm sich die Künstlerin im Badezimmer ihres Wohnhauses das Leben, ihr Mann verstarb kurz darauf. Priska von Martin wurde auf dem Waldfriedhof in München-Großhadern beigesetzt. Ihrer Geburtsstadt Freiburg hat sie einen großen Teil ihrer Werke vermacht.


Priska von Martin mit Toni Stadlers Porträt „Priska“, vor 1946, Foto: Hinrich Sieverking / SOS-Kinderdorf e.V. als Rechtsnachfolger im Nachlass Priska von Martin.

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