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Satire vom Postillon: Bestseller für Besteller

Raten für Ratsuchende: Der „Postillon" brilliert bebildert. Bild: Abbild

Veröffentlicht am 4. August, 2020 | 02:06


von Arne Bicker

Wollen auch Sie Ihre Zukunft durch Handbuchlesen erfahren und / entweder / oder sind Sie ohne gedruckte Ratgeber nicht lebensfähig? Dann ist der neue Allgemeinmagaziner unter den Ratgeberbüchern vielleicht genau der Richtige für Sie: Das Online-Satiremagazin „Postillon“ hat sich ausnahmsweise mal auf Abwege begeben und bietet einen Folianten zur Navigation durch die acht Weltmeere des Wissens feil.

„Der Ratgeber für alles“ lautet der schlichte Titel – wer nun enttäuscht ist, weil er dem „Postillon“ mehr Finesse zugetraut hätte, dem sei gesagt: Dieses Buch ist unbedingt ernst zu nehmen. Es geht hier nicht um flache Gags und schnelle Pointen, sondern ganz mehrdeutig um Wichtigeres. Speziell das Entzwischenmenschlichte treibt den Autoren Stefan Sichermann um, der hier, nomen est omen, selbstredend auch eine Checkliste für Checklisten veröffentlicht.

Die Ratschläge bilden alle Bereiche menschlichen Seins, Scheins und Schweins ab: Troubleshooting beim Küssen wird ebenso abgehandelt wie freie Liebe auf den Rückbänken bei Fahrgemeinschaften und Verhütung mittels Handystrahlung. Absolut auf der Höhe der Zeit sind die No-Gos im Homeoffice: Warum man hier nicht versehentlich den eigenen Partner anbaggern, die Kinder mobben oder sich über das Kantinenessen beschweren sollte, wird erbaulich bis anschaulich dargelegt.

Einem anderen Gefängnis entflieht, wer „Leider kein Freigang“ als eine von 34 Ausreden heranzieht, um nicht bei einem Umzug mit anpacken zu müssen. Auch Tiere können nichts dafür, wenn sich zum Beispiel die Schildkröte beim Gassigehen losreißt oder der gewiefte Heimwerker „eine Dreiecksflansche aus einem Drillichset mit einer Hobelsäge ausstichelt“ um schmerzfrei eine Sonnenfinsternis anstarren zu können.

Besonderer Wertschätzung erfreut sich das beflissene Wissen vieler Medizinräte: Warum Globuli gegen akuten Zuckermangel helfen und ob der Satz „Das wird schon wieder!“ Depressionen heilen kann – nicht vieles bleibt nicht unerwähnt, so wie ja die reine Wahrheit auch in allen „Fake Fake News“ mehr recht als schlecht verbogen ist. Besonders gilt das für die größten Gefahren des Klimawandels, zu denen „drei nackte Finnen im Wohnzimmer“ zu zählen sind oder das Tragen eines Aluhuts bei Gewitter.

Wer jetzt noch um 23 weitere Argumente ringt, wird garantiert in den 49 Sätzen, die man nach dem Sex nicht sagen sollte, und in 41 alternativen Geburtstagsglückwünschen pfründig. Oder, wie es der bekannte lateinische Schriftmischer Lorem Ipsum bereits 1882 im Rahmen einer feierlichen Bleisetzung festhielt: „In unserer Zeit hat jede Dichtung die Aufgabe, Grenzpfähle zu versetzen.“

Der Postillon – „Der Ratgeber für alles“, Riva Verlag, 190 Seiten, 18,99 Euro.

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