Satire

Das Grüne im Auge des Orkans

Veröffentlicht am 28. April, 2019 | 18:56


von Tom Teuffel

Das renommierte Wissenschaftsmagazin „New Zett. Zience“ (NZZ) veröffentlicht an dieser Stelle spektakuläre Forschungsergebnisse aus dem redaktionseigenen Labor im Dienste angewandter Messergebnisfalsifizierung für Statistikinterpretationen (MfS).

Mit großer Spannung und Hingabe beschreiben wir heute einen realen Versuch in einer haushaltsüblichen Standardküche, der zwar so ungefähr auch am Teilchenbeschleuniger des europäischen Kernforschungszentrums CERN unternommen hätte werden können und daher von abstrakter Unbegreiflichkeit durchdrungen ist, der jedoch bei genauerem Hinsehen – und darum geht es schließlich in jedweder Disziplin wissenschaftlichen Forschungsdrangs – nebenher auch einen Erkenntnisgewinn für, in diesem Fall, die bemannte Küchenraumfahrt verspricht.

Die wissenschaftliche Fragestellung: Lässt sich in einem dreistufigen 220-Volt-Küchenmixer mit scheinbar luftdicht schließendem und zusätzlich manuell angedrücktem Deckel bei maximal 1.500 Millilitern Fassungsvermögen die träge Masse von 1.200 Millilitern unpürierter Spinatsuppe aus dem Stand beschleunigen, ohne dass organische Elemente aus der zu untersuchenden Trägheitsmasse herausgeschleudert werden?

Die wissenschaftliche Antwort: Nein.

Begründung: Nach dem Einfüllen der siedendheißen Suppenmasse wurde dieselbe nach sorgfältigem Deckelverschluss vorgabegemäß aus dem Stand von 0 auf 86.400 Umdrehungen pro Stunde beschleunigt. Es zeigte sich, dass bereits nach wenigen Hundertstelsekunden eine offensichtliche Spinatsuppenkernexplosion im lotrechten Teilchenbeschleuniger etliche Bestandteile der nun nicht mehr in Trägheit verhafteten Masse aus dem verschlossenen Beschleunigungsbehältnis herausexpedierte.

Dieser in wenigen Nanosekunden sich vollziehende Dematerialisierungs- und Rematerialsierungsprozess brachte eine Umverteilung der Extraktionselemente auf Wand, Tisch, Obstschale und Holzfußboden des Küchenlabors mit sich, die Verteilungsmuster ähnlich der Entstehung neuer Galaxien erkennen ließ.

Farblich kam es dabei zu interessanten Verlaufsüberlagerungen der tiefgrünen Experimentiermasseteilchen auf einer orangefarbenen Küchenwand, auf obstschaleninhärenten Zitronenfastfestkörpern sowie der erbleichenden Deckelhaltehand. Die Explosionsresteablagerungen auf hellem Kiefernholzküchenfußboden, burgunderrotem Stuhlpolster und den badebeschlappten Zehen des Versuchsleiters wiesen äußerst faszienierende und farbkombinatorisch hochkomplexe Verläufe auf.

Das wissenschaftliches Fazit: Obwohl die Außerkraftsetzung newtonscher Gravitationsmerkmale im Spannungsfeld astrophysikalischer Spinat-Zitronen-Tangenten durchaus als teilweise gelungen angesehen werden darf, ließ doch die gleichwohl stochastische Unabhängigkeit der Suppenexplosionsauswürfe eine unerwartete Regelmäßigkeit in der Verteilungsflugkurve aufgrund der Landemuster der offenichtlich in sich dehnbaren Spinatmaterieteilchen erkennen.

Die wissenschaftliche Empfehlung: Aufgrund unserer unter nur beschränkt kontrollierbaren Laborbedingungen erzielten Versuchsergebnisse steht zu erwarten, dass deutlich massestärkere Spinatsuppenexplosionen im All die Entstehung der von der Atsrophysik hinlänglich dokumentierten grünen Löcher ausschlaggebend beeinflussen. Jedoch wäre dies mit einer neuerlichen Versuchsanordnung unter Einbindung der Europäischen Raumspinatbehörde ESA (European Spinach Agency) zu prüfen.

In jeder Hinsicht gezeichnet,

A.B. / Versuchsleiter Zett.-Labor

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