Kolumne Zett.

WM-Kolumne: Der Wurm ist drin

Geht es mit Deutschland wirklich bergab? Screenshot: google.de

Veröffentlicht am 20. Juni, 2018 | 12:34


WM-Kolumne Zett. / 20. Juni 2018

von Arne Bicker

Der Ball rollt durch Russland, die Gastgeber verschießen ihr Pulver, als gäbe es kein Achtelfinale, und Deutschland ist derart erschüttert, dass sogar die Erdbebenwarte in Peking ausschlug wie ein Kirschbaum im Frühling.

Die Nationalmannschaft hat verloren. 0:1 gegen Mexiko, ein Desaster, ein Unding, der Weltmeister, also wir, kann doch eigentlich gar nicht sein. Mexiko hätte doch allein vor Respekt ins Koma fallen müssen, also bitte.

Fakt ist, die oft dazu eingeladenen, aber nur einmal wirklich clever konternden Mexikaner haben eine seit Monaten schwächelnde deutsche Mannschaft besiegt, die selbst zweimal knapp scheiterte und andererseits auch wieder Glück hatte, keinen Elfmeter gegen sich zu bekommen.

Wen bitte hat das nun überrascht wie ein Tornado? Die Mannschaft, ge- und angeschlagen wie sie ist, schottete sich daraufhin – noch mehr als sonst – ab. Ein großer Fehler, meinte ‚Spiegel Online‘ zu Wochenbeginn: „Es wäre vielleicht für die allgemeine Stimmung hilfreich gewesen, wenn […] sich der Bundestrainer oder der jetzige Kapitän Manuel Neuer vor die Presse gehockt, ein entschlossenes Gesicht aufgesetzt und Wiedergutmachung für die Pleite am Sonntag angekündigt hätten, aber all das passierte nicht.“

Endlich mal eine klare Handlungsanweisung – und dann wird sie nicht umgesetzt! Rotzfrech das. Statt dessen noch so ein Foto: Julian Brandt hatte direkt nach dem unaussprechlichen Ereignis für das Handy-Foto eines Kindes gelächelt. Geh-Lächelt! Ein Skandal, so direkt nach dem Weltuntergang. Ja geht diesen sogenannten Profis denn jede Contenance ab?

Ganz anders die lieben Menschen daheim. Die entluden einen Shitstorm gegen Trainer Löw und seine Spieler und gegen eine WM-Reporterin des ZDF. Der Grund für das Zweitgenannte: Sie wagt es, eine Frau zu sein. Meine Kollegin Claudia Neumann (54) hat unter anderem das Spiel Argentinien gegen Island kommentiert, fachkundiger als mancher männliche Kollege, das bezeuge ich hiermit, aber das reichte vielen Landsleuten (oder sollte ich sagen: Landsern?) wohl nicht aus, weil das Chromosom im falschen Haus stand. Oder so. Pfui Teufel.

Ich setze das hiermit mal ganz oben auf meine Liste unerwünschter Errungenschaften der Digitalisierung: Anonyme Internetkommentare. Auf Rang Zwei: Medien, die solche anonymen Kommentare zitieren und verbreiten, weil sie ihnen in den polemischen Kram passen. Auf Rang Drei: Der Spiegel, der regelmäßig und oft zu Recht die Bildzeitung kritisiert, diese aber andererseits immer wieder seriös zitiert, wenn es das eigene Ethos (keine Häme) zu umschiffen gilt. Doch, die Leser merken das.

Und dann gab es sie doch noch, die Spiegel-Online-Gedächtnis-Pressekonferenz, wenn auch erst am Dienstag. Kapitän Manuel Neuer trat – brav verspätet, natürlich aufgrund einer ‚Krisensitzung‘ – vor die Presse und spulte die herbeigesehnten Plattitüden ab: Wachrüttler, Verantwortung, kein Blatt vor den Mund, alles geben, Probleme, ein anderes Gesicht zeigen, Mut, Vertrauen, überzeugt, schaffen das! Na also, alles drin, und endlich haben wir Journalisten wieder zwei Tage was zu schreiben. Spektakulär. Ich mache ja hier auch mit.

Doch das Kind ist bereits in den Brunnen, beziehungsweise die adidas-Aktie in den Keller gefallen. Au weia, der Börsenkurs der Streifenmacher zittert vor dem Schweden-Spiel wie Espenlaub. Die Nationalmannschaft und Donald Trump schaden der deutschen Wirtschaft. Gibt es kein Entrinnen? Wer am Montag Schweden gegen Südkorea (1:0) gesehen hat, der weiß: Deutschland kann es schaffen, sogar mit Sepp Maier in der Startelf und einem leichten Leistungseinbruch im Vergleich zum Mexiko-Spiel. Kann das bitte mal jemand der adidas-Aktie sagen?

 

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