Satire

Flopps im Shopping-Nebel

Es ist zum Kartonraufen. Foto: Jennifer Reyes

von Jennifer Reyes

Joggen, Kraftworkouts absolvieren, neue Rezepte im Backen und Kochen ausprobieren, ein Kräuterbeet anlegen, Serien in Dauerschleife auf Netflix schauen – was mir in den ersten Wochen in Corona-Quarantäne und im Homeoffice-Käfig noch Spaß gemacht hat (und nebenbei gesagt, auch ganz schön anstrengend war) dafür schmilzt die Motivation mit jeder Woche – linear mit meinem Zeitgefühl – einfach dahin.

Durch die Stadt zu flanieren, Kaffee trinken zu gehen und sich im Fitnessstudio so richtig auszutoben ist immer auch noch nicht dasselbe wie vor Corona. Man ist bemüht und möchte die Gastro und die lokalen Geschäfte unterstützen, doch ich gebe zu: Ich bin langsam gefrustet, da kein Ende von Corona in Sicht ist. Der Mundschutz ist wie ein Fluch: Ich sehe, höre und rieche nichts. Dieser Frust wird natürlich mit Eiscreme besänftigt. Und mit Online-Shopping.

Der Preis ist heiß

Meinen Kontostand höre ich leise wimmern, sogar nachts im Schlaf, auch weil die Einbußen durch die Kurzarbeit schwerer verdaulich sind als gedacht. Doch ich nehme Welle um Welle und surfe wie verrückt in alle Online-Shops dieser Welt. Einmal in die falsche Richtung gehüpft oder versehentlich auf einen Button gedrückt, verfolgen einen Werbeanzeigen überall hin: Es gibt biologisch abbaubare Putztabs, Minibeamer fürs Schlafzimmer und veganes Katzenfutter auf jedem Kanal.

Ab einem gewissen Punkt herrscht schnell eine totale Reizüberflutung. Alles erscheint auf einmal irgendwie innovativ und unverzichtbar sinnvoll – dann leuchten in meinen Augen nur noch Rabattprozentzeichen auf, es herrscht Alarmstufe rot und der Warenkorb beginnt sich aufzublähen.

Die Bestellbestätigungen prasseln rein ins Mailfach. Den Überblick habe ich längst verloren. Hätten die neuen Inlineskates nicht schon längst da sein sollen? Inzwischen hat ja schon jeder irgendwas mit den Dingern auf Instagram gepostet. Na toll! Aber immer noch besser als meine Handtaschen. Die kamen bis heute nicht an. Der Kundenservice reagiert auch auf meine zehnte Mail nicht. Da, die Bikinis schneien endlich rein. Jetzt kann der Sommer losgehen! Die Freude währt nicht lange: Kein einziges Teil passt. Habe ich so viel an Muskelmasse zugelegt?

Kein Weg zurück

Naja, dann halt zurückschicken und neu bestellen, wie immer. Ich fordere den Retoureschein an, doch ich bekomme keinen. In den AGBs steht, dass Unterwäsche und Bademode vom Umtausch ausgeschlossen sind. Was für ein Koller! Die wollen mich ernsthaft auf acht Bikinis mit einem Warenwert von 150 Euro sitzen lassen? Ich soll diese weiterverschenken oder spenden, heißt es. Ja danke, was anders bleibt mir auch nicht übrig!

Die Wut kocht hoch bei solchen sinnlosen Unternehmensphilosophien. Danke, liebe Wegwerfgesellschaft, und Danke an mich selbst, die das auch noch unterstützt. Nach endlosem Hin-und-her-Gemaile kann ich wenigstens noch einen Warengutschein über die Hälfte des Bestellwerts heraushandeln und erfreue nebenher meine Schwester mit einem Schwung neuster Bademode. Aber das Bikini-Thema ist durch. Ich muss mich zwingen, das Kleingedruckte zu lesen.

Retoure ins Nirvana

Eine Lieferung steht noch aus, aber mein Konsumkarma straft mich weiter ab: Die Holzregalbretter passen nicht in die frisch bestellten, äußerst trendigen Kupfer-Regalhalter. Noch ein Päckchen mehr oder weniger, dass zur Post muss – auch egal, denke ich. Und muss dann doch schlucken, denn die Retoure geht auf meine Kappe. Das stand wohl auch in den AGBs. Um ein bisschen Schadensbegrenzung zu betreiben, packe ich die zwei separaten Lieferungen mit den Regalhaltern in ein Paket. Da bin ich ganz Fuchs und spare zumindest einen Karton samt Porto.

Nach einigen Tagen checke ich meinen Kontostand. Der ist rot angelaufen. Weil er sich schämt? Eine Gutschrift ist immerhin erfolgt – aber es fehlt die Hälfte! Das darf doch nicht wahr sein. Eine Mail, ein Anruf und die Sache ist geklärt, doch leider mal wieder auf meine Kosten: Die zweite Retoure in meinem Paket wurde nicht erfasst und ist auch nicht mehr auffindbar. Ja Danke für Nichts!

Unterm Strich

Wieder eine bittere Lektion gelernt: Ich muss für jede Retoure ein eigenes Paket schicken. Da habe ich an der falschen Ecke gespart. Kurz gesagt: Ich hätte mir das alles ersparen können, wenn nicht gar sollen. Summiere ich die Ausgaben meines Shoppingwahns für die bis heute nicht erschienenen Produkte, die Ausgaben für Retouren und die Nerven, die es mich gekostet hat: ein einziger Flopp!

Am Beliebtesten

Nach oben
X