Kolumne Zett.

Lucy zickt… wie alles begann

Hier schreibt die Freiburgerin Simone Harre, Schriftstellerin, China-Kennerin und Glücksforscherin, ihre Kolumne "Fräulein Lucy und Uwe, der Baum" für das Kulturmagazin ZETT.

Nun, ich kann sie verstehen. Weil Lucy und ich… wie soll ich sagen, wir haben schon seit geraumer Zeit zusammen zehn Beine. Tolle Beine. Und Spaß. Ich kann noch keine Netze aus meinem Po ziehen und in Eleganz nicht mithalten, aber ich bin schon viel klüger als je zuvor. Denn Lucy ist sehr schlau.

Sie sagt, in ihrer Familie haben alle einen IQ von 320. Das multipliziere sich an der Zahl der Beine. Ich halte das für gelogen, mahne gerne an die mangelnde emotionale Intelligenz, die selbstgefällig im Dunklen liegt. Vor allem aber darf ich mich glücklich schätzen. Ich bin ein Weibchen. Lucy frisst nur Männchen. Mund auf, happ, weg. Schmecken nicht. Boah. Lucy grunzt und rülpst. Warum isst du sie dann? Muss sein. Männchen taugen nichts. Jedes Mal die gleiche Antwort.

Sie schluckt sie schnell. Am Stück. Wie bittere Medizin. Nur ich kenne den wahren Grund. Lucy ist eine taoistische Hausspinne. Sie macht super Netze, ausgewogen, symmetrisch. Endlose Geduld. Sie selbst leugnet es. Aber mir kann sie nichts vormachen. Bin mit chinesischen Sachen vertraut. Weiß Bescheid. Hat mit der Unsterblichkeit zu tun. Dem Yin und Yang. Spinne im Magen vertreibt Alter und Plagen.

Mann in der Frau macht nicht nur schlau…. sondern… okay, ohne Reim… Männchen im Bauch macht dir….Schlauch, Rauch,… ewige Harmonie… auch… Aufhebung der Gegensätze… ja, solche Begriffe, die ganz großen Begriffe. Lucy trachtet nach dem kognitiven Supergau. Ich bin mir sicher. Aber manchmal höre ich sie nachts seufzen. Ritze rechts oben hinter einer Biegung aus bröckelndem Stuck. Altbau. Aufessen ist auch nicht alles.

Ein Leben ganz ohne Männchen? Haben Sie schon mal ein kleines, eitles, schwarzes Arachnid nachts aus seiner dunklen Ritze seufzen hören? Nein? Ich kann Ihnen versichern, es ist jämmerlich. Ein einsames Seufzen. Und manchmal bilde ich mir sogar ein, die vielen aufgegessenen Männchen in Lucys Bauch ebenfalls seufzen zu hören. Wenn sie mit einer taoistischen Hausspinne zusammenleben und gemeinsam zu Paartherapien gehen, wird die Welt weit. Seltsam, verwirrend und zuweilen erleuchtet. Wuwei.

Und doch, immer wieder bleiben Frage offen. Zum Beispiel: Warum haben Spinnenmännchen Mundgeruch? Und wieso trägt der Hund von Frau Kluth aus dem dritten Stock in der Mercystraße eine Brille, obgleich Frau Kluths Mann Optikermeister ist? Wegen der Proteine. Höre ich eines Tages eine dunkle, knarzende Stimme. Schuld sind immer die Proteine. Knarz knarz.

Ich blicke in ein sehr altes braun wucherndes Augenpaar, das schwerfällig seine Augenbälle von oben nach unten rollt. Uwe, der Baum. Angenehm. Und oh… Das wars. Uwe und ich. Uwe ist leicht größer als ich, finde ich gut, immer freundlich und alles im allem ein guter Typ zum Anlehnen. Zum Aufseufzen. Und damit meine ich nicht die verzweifelten Seufzer aus Lucys Träumen, sondern diese Loslasseufzer… diese, ja, ist doch eigentlich alles gut Seufzer. Dort draußen im grünen Sternwald, du, wo ich zuweilen nach Antworten suche, dann, wenn meine Hausdame mit Essen beschäftigt ist oder an täglichen Neurosen strickt.

Uwe ist niemals aufgebracht, er denkt universell, bodenständig. Der König Salomo unter den Geschöpfen. Und er weiß alles, also richtig alles, obgleich er immer nur steht. Das finde ich magisch. Manchmal stelle ich mich auch auf nur einem Bein zu ihm hin und gucke ihn an. Konfuzius also? Echt? Fleischlos auch? Vegan eh? Uwe nickt bedächtig und langsam. Schwurbelt ein paar seiner Wurzeln um mein Bein und lächelt weise. Uwe, sage ich dann. Sag es mir. Und Uwe erzählt. Von feuchten Nächten, Nebeln und dunklen Geheimnissen. Dem Wispern der Wurzeln, der Liebe der Erde und dem Problem mit den Proteinen. Ja, seit Uwe in mein Leben getreten ist, ist alles anders. Voller Antworten und…  Er hat nur EIN Bein.

Lucy betont diese Tatsache langsam und sehr spöttisch. Er kann nicht in dein Leben geTRETEN sein, er hat nur EIN Bein. Ja, sage ich. Nur ein Bein. Lucy nickt.  Ein sehr dickes außerdem. Mit Rinde und Jahresringen. Und Ritzen und Einkerbungen. Einem Herz auf dem Rücken. Und Moos. Weiches Moos. Oh Uwe. In dessen Leben ich…  PFT. EIN Bein. Ich habe ACHT! Alle tadellos! Ganz schlank. Lucy spaziert vor mir auf und ab. Den Kopf keck und bedrohlich im Nacken. Ja, Lucy, du hast zauberhafte Beine. Lucy blickt mich scharf an. Ich kann auch weise gucken. Guck mal.

Lucy verzieht ihr Gesicht zu einer sehr schiefen Grimasse, die, wenn überhaupt, etwas grotesk an einen verdorrten chinesischen Weisen erinnert, der am Warten auf die Unsterblichkeitden den Tod erlitt. Dabei muss Lucy selbst so sehr lachen, dass sich ihre Beinchen zu einer Kugel krümmen und sie von der Tischplatte rollt. PLÖPP. Ganz leise. LUCY! Bist du okay?  Ich bücke mich. Sehe wie Lucy ihre Beine nachzählt. Eins, zwei, drei…. sieben. Es folgt ein Aufschrei. Uaaaahhhh. Lucy greift nach etwas, das neben ihr auf dem Boden liegt…. mein BEIN!!!! Oh, mein Gott Lucy, wie schrecklich. Ich ringe hilflos mit den Händen. Lucy lacht wieder. Ätsch!

Reingelegt! War nur ein Fussel. … Acht. Siehst du hier: ACHT. Acht tadellose Beine. Sie schießt aus ihrem Po ein Lasso und seilt sich elegant zurück auf den Tisch. Okay, sage ich still zu mir selbst. Lucy und Uwe. Es wird nicht einfach werden…

 

 

 

 

 

 

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