Kolumne Zett.

WM-Kolumne: Free Willy

Wer denkt schon nur an Ballbesitz? Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 8. Juli, 2018 | 11:11


WM-Kolumne Zett. 8. Juli 2018

von Arne Bicker

Ballbesitz ist kein Spielsystem. Ballbesitz ist ein vorübergehender Zustand im Fußball und in den allermeisten Fällen eine zwingende Notwendigkeit zum Erzielen eines Tores. Wer sich jetzt als Taktik-Fuchs outet und im deutlich gelichteten Public Viewing erklärt, Ballbesitz sei nicht mehr State of the Art und man sehe ja, wohin das Mannschaften wie Spanien geführt habe, der macht es sich vielleicht ein bisschen zu einfach.

Ballbesitz gibt es grundsätzlich immer zu 100 Prozent, die sich dann auf beide Mannschaften verteilen, das lässt sich gar nicht vermeiden. So wie jede Mannschaft zu 100 Prozent wechselweise in Angriff und Verteidigung spielt, was sich auch wieder entsprechend aufteilt und sehr, sehr nahe am Ballbesitzverhältnis liegt. Oder steigen die Gewinnchancen, wenn man den Ball absichtlich zum Gegner schießt, und befindet sich ein Team in der Defensive, das den Ball durch die eigenen Reihen laufen lässt? Moralisch vielleicht?

Eine Regel, wer mit wie viel Ballbesitz das Spiel gewinnt, gibt es nicht. Da ist lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mannschaft mit deutlich mehr Ballbesitz die insgesamt stärkere zu sein scheint, den Gegner in dessen Spielfluss hemmt und aus dieser Ableitung heraus als mutmaßlicher Sieger vom Platz gehen könnte.

Hier aber verschieben sich gerade die Dimensionen: Standartsituationen, Überraschendes aus kreativen Freiräumen heraus, eine nur in relativ jungen Jahren zu behauptende Physis, die zu Dauerarbeit mit unzähligen Highspeedläufen befähigt, gepaart mit technischem Esprit in eben jenem Tempo – das sind Faktoren diesseits von Glück und Pech und Schiri-Entscheidungen, die bei dieser WM eine größer gewordene Rolle spielen.

Erschöpfte Urus, glücklose Brasilianer, brave Schweden und Russen auf Nachbrenner – sie sind draußen. Und natürlich kann man nicht alles 1:1 erklären, auch im Nachhinein nicht, es hätte zumindest bei Brasilien und Russland locker auch anders kommen können. Aber es verdichten sich Eindrücke wie zum Beispiel jener, dass der künftige Weltmeister dem ersten Halbfinale am Dienstag entspringen und wahrscheinlich Frankreich heißen wird.

Nach einem Finalsieg über Kroatien. Das Spiel am bevorstehenden Dienstag zwischen Belgien und Frankreich (20 Uhr) ist für mich ein vorweggenommenes Finale, wobei gegen die Belgier deren Bräsigkeit spricht, wenn auch auf allerhöchstem Niveau, so doch nur das Nötigste zu tun. Kroatien wiederum ist nach dem aufreibenden Kampf gegen eine grandios aufspielende Gastgebermannschaft am Anschlag, dürfte aber an England, das ohne besonders spielstarke Achtel- und Viertelfinalgegner quasi ins Halbfinale geschubst wurde, nicht scheitern (Mittwoch, 20 Uhr).

Beim Ballbesitz kommt es – wie beim WM-Titelbesitz – darauf an, was man damit macht. Ein maximal risikoscheues Ballhalten in den hinteren beiden Spielfelddritteln kann ein Kieselstein der Zermürbung sein auf dem Weg zu einem Erfolg. Aber grundsätzlich abwartender Ballbesitz als tragendes Moment der eigenen Spielweise ohne die ehrliche Bereitschaft, diesen möglichst oft in überraschenden und logischerweise riskanten Offensivaktionen mutig zerfließen zu lassen, gewinnt tatsächlich keine Spiele.

Vor allem dann nicht, wenn der Gegner genau das tut. Den Ball nicht blind, aber mit einkalkuliertem Risiko steil oder diagonal in eine Schnittstelle spielen oder scharf vor das gegnerische Tor flanken, ohne immer genau zu wissen, ob ein Mitspieler dies wird verwerten können – das muss man wollen. Und können. Die Franzosen haben im bisherigen Turnierverlauf beides nachhaltig unter Beweis gestellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arne Bicker

 

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