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Gedenkkultur und Ökobestattung

Unsere ZETT. Redakteurin Jennifer ist leidenschaftliche Barista. An Ihrem dreirädrigen Kaffeemobil gibt es jetzt auch die ZETT. Zum Mitnehmen Foto: AB

Veröffentlicht am 23. Januar, 2021 | 10:44


Unsere aktuelle Printausgabe „ZETT. Das Kulturmagazin für Freiburg“ widmet sich ganz dem Thema „Tod in Kunst und Kultur“. Das Thema bewegt offensichtlich viele Menschen; und so werden unserer Redakteurin Jennifer Reyes die ZETT-Magazinhefte an ihrem Herdemer Cafémobil förmlich aus den Händen gerissen. Redakteurin Caterina Priesner legt nach mit der Frage „Was hat eine ökologische Bestattung mit Gedenkkultur zu tun?“ Ein interessantes Gespräch mit dem sympathischen Steinbildhauer Daniel Rösch aus Stegen hat sie dazu veranlasst.

Daniel Rösch wünscht sich eine Diskussion über das Gedenken in Deutschland. Während der Verband für Gedenkkultur, dessen Mitglied er ist, aus ökologischen Gründen einen Verzicht auf Krematorien fordert, steht für Daniel Rösch das Gedenken selbst im Vordergrund. Dieses kann mit einem ökologischen Anspruch sehr wohl zu tun haben. Was sich nun aber schonender auf die Umwelt auswirkt, Feuer- oder Erdbestattung, ist durchaus umstritten. Wissenschaftler untersuchten es mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Immerhin ein heißes Eisen, sind doch Erd- und Feuerbestattung die beiden einzig zulässigen Bestattungsformen in Deutschland. Beide bergen ihre ökologischen Vor- und Nachteile. Ein gesteigertes Interesse am Aspekt Umwelt beim rituellen und notwendigen Bestatten zeigt sich in einer wachsenden Nachfrage nach Bio Urnen und nach umweltfreundlichen Särgen. Nach Recherchen des „Deutschlandfunk“ hielt eine Forschungsgruppe der tschechischen Universität für Lebenswissenschaften in Prag insgesamt Erdbestattungen tendenziell für umweltfreundlicher. Die nüchterne Untersuchung der Prager Forschungsgruppe hob die positiven Effekte für die Pflanzenwelt bei der Erdbestattung hervor und dass über deren Gräbern die Pflanzen deutlich besser als in der Umgebung wuchsen. Bei Feuerbestattungen gelangten mit der Asche umweltschädliche Schadstoffe in den Boden, wie etwa Zahnfüllungen aus Amalgam, dessen Quecksilbergehalt durch die Einäscherungen wieder frei werde.

Nun hat diese Prager Studie aber wenig mit der Realität in Deutschland zu tun, wo Krematorien Schadstoffe mithilfe eines Filters herausfiltern und entsorgen, sodass sie nicht in den Boden gelangen. Das Krematorium Südbaden etwa nutzt Ökostrom aus der Region und ökologische Aschekapseln sowie eine, nach eigenen Angaben, „optimale Filteranlage“. Der Co2 Ausstoß beim Stromverbrauch wurde auf null reduziert. Erlöse aus Metallimplantaten von Knie- oder Hüftgelenken gehen an gemeinnützige Projekte in Freiburg und Umgebung.

Der Deutschlandfunk sah einen weiteren Aspekt in der Prager Studie unbeachtet: Auch bei Erdbestattungen können jede Menge Schadstoffe in die Erde gelangen – etwa durch Herzschrittmacher, künstliche Gelenke, Antibiotika, den Sarg oder Chemikalien aus der Einbalsamierung. Andere Untersuchungen kommen daher zum Schluss, dass Feuerbestattungen weniger umweltschädlich seien.

Viele neue Ansätze werden seit einiger Zeit diskutiert, auch wenn die Bestimmungen nicht alles erlauben. In Deutschland gibt es eine Sargpflicht und nicht alles gilt als solcher, was an schnell abbaubaren Materialien wie Korb, Pappe, Kartoffelstärke oder lebendem Pilz konzipiert und produziert wird. Die Pilzsärge sollen den Weg für Organismen schneller freimachen und den Zersetzungsprozess enorm verkürzen. Relativ neu ist auch die Idee, bei der Beerdigung einen Baum zu pflanzen: Die „Bios Urn“ beispielsweise ist eine biologisch abbaubare Urne, die einen Baumsamen enthält. „Capsula Mundi“ sind eiförmige Kapseln aus biologisch abbaubaren Materialen, die sowohl als Urnen- als auch Sarg-Alternative vorgesehen sind. Wo die Kapseln begraben werden, sollen später ebenfalls Bäume wachsen. In vier Tagen füllt das Myzel des Pilzsargs, auch genannt lebender Cocon, die Substratzwischenräume „wie ein Kleber“. Beim Trocknen hört das Myzel vorübergehend auf zu wachsen, so berichtet zum Beispiel RP Rheinland, und werde hart genug, um bis zu 200 Kilogramm zu tragen.

Für Steinbildhauer Daniel Rösch aus Stegen ist der ökologische Gedanke zwar wichtig, der Streit um die beste Bestattung aber interessiert ihn nicht so sehr wie das Eigentliche, nämlich das Gedenken. Er und sein Sohn engagieren sich für eine Gedenkkultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und auch die dunklen historischen Zeiten des Nationalsozialismus nicht verleugnet oder ins Vergessen verscharrt. Eine Fernseh-Sendung im SWR berichtete über das Engagement seines Sohnes und sechs seiner Mitschüler des Kollegs St. Sebastian bei Stegen. Sie haben wochenlang recherchiert, in Archiven geforscht und mit Angehörigen gesprochen bei der Aufarbeitung von Euthanasiemorden im Dreisamtal. Vater Daniel Rösch unterstützte das Projekt als Steinmetz: „Mir geht es auch darum, dass sich Menschen nicht entsorgen lassen – bequemmöglichst für die Nachfahren, damit diese keine Arbeit mit ihnen haben“. Sein Anliegen ist die Würde des Menschen und eine damit verbundene Gedenkkultur.

Der Anspruch ist begründet und lässt sich auf unterschiedlichste Weise realisieren. Bei genauer Betrachtung könnte es nämlich sein, dass der eigene Umgang mit den Verstorbenen unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Selbstachtung bereichert – oder eben auch nicht.

Von Caterina Priesner

 

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