Kolumne Zett.

WM-Kolumne: Häagen Dasz?

Der WM-Becher ist halbvoll und halbleer, aber er füllt sich langsam mit dem Sud der Erkenntnis. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 30. Juni, 2018 | 22:47


WM-Kolumne Zett. / 1. Juli 2018

von Arne Bicker

Die ersten beiden Achtelfinals sind rum, und sie waren vor allem eines: intensiv. Zunächst hat Frankreich Argentinien rausgekegelt, als dynamisch verwobene Matrix, die deutlich effizienter als die Summe ihrer Tippkicker auftrat, mit fast schon dreidimensionalem Offensivspiel, diagonal oder steil oder hoch oder flach, aber immer schnell und manisch zielführend.

Dieser moderne Lawinenfußball kostete mit Argentinien den zweiten Fußball-Dinosaurier – nach Deutschland – den WM-Verbleib. Ausgerechnet die Allez-Les-Bleuen präsentierten sich in Russland als geläuterter Achtelfinalversteher und als Zugmaschine im Zeitenwandel. Frankreich hat sein Team nach desaströsen Rückschlägen in der Folge des Titelgewinns 1998 nicht nur runderneuert, sondern gleich ganz neue Schlappen aufgezogen und das Fahrwerk tiefergelegt.

Dazu wurde der Truppe ein fast schon psychotisch anmutender Tunnelblick auf Torlücken neben dem Keeper verpasst, und schon scheint ein Coup Du Monde für die Männer der Marianne nicht länger unmöglich.

Noch ein Eisbecher für den Eisbrecher? Das wirkte jedenfalls vorbildlich, denn der Fussball ändert sich. Eckbälle werden zu Ringkämpfen, Doppelriegel-Defensiven sind ohne Erfindungsreichtum und taktische Variabilität kaum noch zu knacken, Fußballer werden zu wimmernden Schauspielern, Trainer zu Intendanten und Schwalben in Schwärmen salonfähig.

Die Schiedsrichter müssen Auswechselspieler in der Schlussphase vom Spielfeld peitschen oder an die Hand nehmen wie Schulkinder auf dem Nachhauseweg und dauerwinkende Einwurflügner abwimmeln wie Schmeißfliegen. Würde und Reue werden in Siegen bemessen, und es gibt das neue Berufsbild ‚Halbzeitfrisör‘. Wer sich nicht anpasst, der geht unter. Das hatte schon der britische Übernationaltrainer Charly Darwin früh erkannt.

Nicht früh genug für Deutschland, Argentinien und Portugal, das gegen Uruguay die Segel streichen musste. Uruguay hatte 5:20 Torschüsse und 33 Prozent Ballbesitz in den Ring geworfen und kroch auf dem Zahnfleisch ins Viertelfinale, Tendenz Endstation, während Portugal hyperventilierend zurückblieb.

Als Trainer Fernando Santos nach dem Schlusspfiff noch ungläubig am Spielfeldrand auf Fehlersuchbilder starrte, die ihm auf einem Tablett-PC dargereicht wurden wie faule Hostien, wankten die Urus schon in transzendentalen Seinszuständen in ihre Sauerstoffzelte und träumten dort mutmaßlich von verdurstenden Wüstenrennmäusen. Vermutlich werden sie erst am Montag aus der Zeitung erfahren, dass sie das Viertelfinale erreicht haben.

Wir halten fest: Nationen, die so zu spielen versuchen wie immer, scheitern gerade. Mannschaften, die auf messianische Kreisläufer mit Kapitänsbinden setzen, scheitern ebenfalls. Womit wir bei Brasilien wären, dass nun noch 36 Stunden Zeit hat, aus den argentinischen Fehlern vor dem eigenen Spiel am Montag gegen die Wüstenrennmäuse aus Mexiko zu lernen.

Zuvor aber werden Spanien und Russland den vorletzten Dino-Paso-Doble tanzen und Kroatien wird Dänemark zum Nachtisch verarzten. Wetten dass? Oder wie der Däne fragt: Häagen Dasz?

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