Kultur

In der eiskalten Warteschleife

Der Freiburger Roland Weis lässt in seinem elften Roman die Puppen tanzen. Foto: Bettina Matthiessen

Veröffentlicht am 9. August, 2018 | 16:59


Es geht um Steinäxte und Motorsägen, um eisgekühlte Leichen und heiße Träume und um moderne Zeiten und das Tier im Manne – kurz gesagt: Der Freiburger Autor Roland Weis lässt es gewaltig krachen in seinem elften Roman, dessen Titel „Das Erwachen der Gletscherleiche“ schon verrät, dass es hier nicht nur ums Pflücken von Gänseblümchen geht.

In einem Lieferwagen für Tiefkühlkost rasen ein Freiburger Biogenetiker und zwei türkische ‚Erntehelfer‘ in kurzen Hosen zum Fundort einer Gletscherleiche in die Schweizer Alpen, um diese aus dem ewigen Eis zu sägen, nach Freiburg zu entführen und hier dann aufzutauen und zum Leben zu erwecken. Die ganze Story kommt dabei gleichermaßen durchgeknallt wie lustvoll daher und hangelt sich im Stile einer Screwball-Komödie an diversen Klischees entlang bis zu einem Plott vor, der viele Möglichkeiten offen lässt: Einmal Gletscherleiche = immer Gletscherleiche?

Man weiß es nicht. „Ich wollte ein bisschen augenzwinkernd die Frage verfolgen, was Mensch und Wissenschaft alles dürfen, wie weit der Mensch ‚Gott‘ spielen darf, und was alles schiefgehen kann, wenn er es tatsächlich tut“ – das sagt Autor Weis zu seiner abenteuerlichen Geschichte, für die der echte Ötzi, Catweezle und die Flintstones Pate gestanden haben mögen. Weis, im Hauptberuf Leiter der Unternehmenskommunikation beim Freiburger Energiedienstleister badenova, erklärt: „Das Ganze spielt am Wissenschaftsstandort Freiburg, weil hier ja auch die Bio-Valley Träume blühen.“

In Weis‘ Roman blüht vor allem die Fantasie des Autors, und das nicht zu knapp. Weis schickt die Leser auf eine irrwitzige Reise zurück in die Zukunft und kreuz und quer durch die Untiefen einer hochgezüchteten Biogenetik und liefert dabei quasi im Vorübergehen Antworten auf die immer gleiche Frage im Zusammenhang mit moderner Wissenschaft: Was tun mit jenen Geistern, die wir riefen?

Der Geist in diesem Fall heißt Bowolf, hat einen nie enden wollenden Heißhunger auf gegrilltes Fleisch und stellt Jan Ullrich und Arnold Schwarzenegger locker in den Schatten. Gleichzeitig verwandelt er sich per Fingerschnippen in einen usbekischen ‚Molekularkardiologen‘ und bricht die Herzen der stolzesten Frauen. Noch Fragen?

Man könnte das Ganze auch als eine 5.000-Jahre-Übersprunghandlung für Zeitreisefreunde bezeichnen, in deren Verlauf die Grenzen zwischen der Jagd auf Essbares und jener auf wissenschaftliche Lobpreisung verwischen.

Wer im Übrigen die Handlung mit einem Handstreich als unrealistisch abtun will, der werfe mal einen Blick auf die vielen Kryoniker weltweit – das sind Menschen, die heute schon glauben, dass die Wissenschaft irgendwann den Tod überlisten wird, und die sich entsprechend vorsorglich einfrieren lassen. Was in Deutschland (noch) verboten ist, beschert gewieften Unternehmen in den USA und dem mit natürlichem Permafrost gesegneten Russland bereits seit Jahren Millionengeschäfte.

Wer die zum Teil sechsstelligen Gebühren für eine dauerhafte Ganzkörpereinfrierung scheut, dem wird als Alternative eine deutlich kostengünstigere „Neurokonservierung“ zur Wahl gestellt, in deren Rahmen lediglich das dem Verstorbenen zu entnehmende Gehirn eingefroren wird, aus dessen Stammzellen sich ja später vielleicht ein neuer, kerngesunder Körper nachzüchten lässt.

Es wird überhaupt viel gefroren – bei den Kryonikern wie auch in Weis‘ Gletscherleichen-Roman, weshalb dessen Lektüre in der aktuellen Hitze, zum Beispiel auf dem Badehandtuch, besonders zu empfehlen ist. Und wenn wir dann eines Tages, sagen wir im Jahr 2.378, aufwachen und einem unerschrockenen Freiburger Forscher ins Gesicht blicken – vielleicht haben wir ja dann auch spontan Heißhunger auf mindestens vier Döner. Ohne alles.

Roland Weis, „Das Erwachen der Gletscherleiche – Ein Krimi, der vor 5000 Jahren beginnt und in Freiburg seinen Lauf nimmt“, Lindemanns Bibliothek, 393 Seiten, 14,95 Euro.

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