Satire

Mi-Tu-Suppe

Veröffentlicht am 3. April, 2019 | 12:16


von Tom Teuffel

Kennen Sie das, Sie stehen bei einer Party rum, sagen wir, in einem Schuhgeschäft mit Kaffeemaschine und Lautsprechern, und starten in den gefühlt zweitausendvierhundertdreiundachtzigsten Smalltalk ihres Lebens. Warum gibt es dafür eigentlich kein deutsches Wort? Kleingerede? Kleines Gerede? Laberli? Sagen das die Schweizer? Oder heißen nicht so diese Kekse in den weißen Papiertüten?

Stop, jetzt nicht abschweifen. Konzentration ist gefordert, man kann ja so viel falsch machen. Die swimmingpoolgroßen Fettnäpfe rechts und links und mitten auf dem Kommunikationspfad sind elektrisch beheizt, ihr Inhalt beginnt schon leicht zu köcheln; ich kann es riechen, obwohl ich noch gar nicht so richtig losmarschiert bin. Aber es nutzt ja nichts, da müssen sie durch, die geschmackvollen Worte. Frisiert, nicht frittiert, denke ich.

Wir stecken noch in den Startlöchern. Gerade haben wir die Informationen ausgetauscht, warum wir beide jeweils hier sind, ob und woher wir den Gastgeber kennen. Das politisch unkorrekte Nummerngirl in meinem Kopf tänzelt durch den Ring: Gleich geht’s in die zweite Runde, der Beruf. Sie sei Lehrerin, erzählt die attraktive Dame am anderen Ende der Konversationsachse, sie mache aber nebenher noch ganz was anderes – nein, nicht was Sie als Leser jetzt denken: Sie ist nicht Yogalehrerin, sie ist… [hier greift der Datenschutz]. Und schon habe wieder ich den schwarzen Peter.

Müsste es nicht heißen, Peter mit Migrationshintergrund? Ich ticke doch nicht mehr richtig, denke ich. Jetzt fragt mein Gegenüber, warum ich den Kopf schüttele? Ich könne es ja selbst kaum glauben, antworte ich, aber ich sei staatlich geprüfter Flusensiebreiniger im Selbstbedienungsmünzwaschsalon. Tatsächlich hatte ich mal im Nebenjob Kleingeldbesitzern erklärt, bei wie viel Grad Rallyeunterhosen sauber würden und dass man nicht-geschleuderte, tropfnasse Schlafsäcke genauso wenig wie Kaschmirpullover in den Wäschetrockner stecken sollte.

Heute arbeite ich als Journalist, nur ist das meiner Erfahrung nach etwa genauso beliebt wie Kupferdieb oder Verkehrsminister. Also schmiede ich die Wahrheit, bevor sie ausbüchst, erzähle hart an der Abrisskante zur Legalität von meiner Zeit in einem Waschsalon in der Egonstraße. Gong, dritte Runde, Hobbys. Jetzt geht es auf blankes Glatteis

Sie macht Yoga und reist gern. Und ich? Mir liegt ein Wortspiel auf den Lippen: Ich kartoffle gern. Nee, das bringt’s nicht. Auch Modelleisenbahn und Briefmarkensammlung scheiden aus, besonders letztere gilt als toxisch-sexistisch. Wahrscheinlich, weil man Briefmarken früher anlecken musste, denke ich, und schimpfe schon wieder mit mir, aber im Hier und Jetzt haben wir diese von uns Männern selbst verursachte, globale Moralerwärmung. Könnte doch eine harmlose, asiatische Instantnudelsuppe sein, denke ich, Mi Tu, aber nein. Im Zweifel also kein Sex für Testoronosaurus Rex, und dabei dachte ich immer, der sei ausgestorben. Aber hej, das ist die Lösung! Ich sage in unbetont lockerem Tonfall, mein größtes und wirklich leidenschaftlichstes und oft, wenn nicht gar andauernd ausgeübtes Hobby sei es, keinen Sex zu haben.

Die nun wirklich bezaubernde Dame gegenüber blickt mir tief in die Augen und erläutert äußerst glaubwürdig, sie meine, sich verhört zu haben. Ich wiederhole das also inbrünstig und denke für mich, inbrünftig, warum gibt es eigentlich dieses Wort nicht? Klingt irgendwie so gelispelt. Dann sprudelt es aus mir heraus: Kein Sex sei das beste Hobby überhaupt, man könne das immer und überall ausüben, quasi jederzeit, egal ob im Sitzen oder im Stehen und sogar im Schlaf! Winwin-Winwin, Vorteile, wohin man schaue: Keine passive Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio, in das man dann doch nie gehe, keine Vereinsmeierei mit Schriftführer und Jahreshauptversammlung, und hinterher müsse man noch nicht mal duschen.

Ich vertiefe meine Ausführungen: Keinen Sex, das könne man im Prinzip täglich machen, nicht nur am Wochenende, sogar im Flugzeug und am Arbeitsplatz. Solange man es nicht hinausposaune, merke der Chef überhaupt nichts. Und wer werde schon für die Ausübung seines Hobbys bezahlt? Und überhaupt sei das eine einzige, große Befreiung, der ganze Ballast – weg! Außerdem habe man wieder mehr Zeit, die Blumen am Wegesrand zu beachten, es sei eine geradezu spirituelle, ja fast schon – kleiner Scherz: römisch-katholische Handlung, beziehungsweise beziehungslose Nichthandlung, eine Art horizontale Entschleunigung, eine zurücktretende Blickerweiterung, gewissermaßen eine Askese im Schlafrock – ich halte inne in meinem Erklärungssprudel und frage mich, was ich da für einen Scheiß rede, und warum das noch dazu wahr ist. Und schließlich stelle ich mir noch eine dritte, durchaus selbstkritische Frage: Wo ist diese anmutige Dame, mit der ich mich eben noch unterhielt?

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