Kolumne Zett.

WM-Kolumne: Mehr Netto vom Brutto

Französischer Jubel unter strahlendem Himmel beim Public Viewing an der Grenze Strasbourg / Kehl. Foto: SB

Veröffentlicht am 16. Juli, 2018 | 09:41


WM-Kolumne Zett. / 16. Juli 2018

von Arne Bicker

Frankreich ist Weltmeister, Kroatien Weltmeister der Herzen, und Schluss. Das offensichtlich beste Kollektiv hat den Titel gewonnen. Welche Lehren bleiben uns aus dieser WM? 1.) Fußball ist zum Glück immer noch eine Mannschaftssportart. 2.) Man sollte der FIFA, wie jeder mächtigen Organisation, Regierung oder Konzerngroßmacht, in Zukunft noch genauer auf die Finger schauen und ihr solchermaßen dabei helfen, sich vor sich selbst zu schützen.

Sportlich war zu erkennen, dass sich der Fußball ausgerechnet in Russland immer mehr dem Schach annähert. Abwehrkettenriegel, Ballstafettenläufe, Ergebnishalten, selbstbewusste Konterdominanz und offensive Zeitschinderei spielten eine zunehmende Rolle und ließen den Sport zum Teil weniger attraktiv für jene Zuschauer erscheinen, die nicht nur ein bestimmtes Ergebnis herbeisehnen.

Der berühmte „offene Schlagabtausch“ wie bei den Spielen Portugal – Spanien (3:3), Frankreich – Argentinien (4:3), Belgien – Japan (3:2) oder im Finale Frankreich – Kroatien (4:2) ist noch nicht tot, bleibt aber eine Ausnahme. Standart-, Eigen- und Querschlägertore nehmen zu, was als Beweis gelten darf für eine stark verbesserte Defensivarbeit aller Beteiligten.

Und es zeichnen sich notwendige Anpassungen der Regularien im Fußball ab: Der Videobeweis ist eigentlich immer noch ähnlich willkürlich, respektive mit menschlichen Fehlern behaftet, wie die reine Schiedsrichterzeit zuvor. Zwar erkennt man Regelwidrigkeiten hier in den allermeisten Fällen punktgenau, doch gibt es eine neue Schwachstelle: Wann setzt man den Videobeweis ein?

Ohne den Videobeweis wäre das kroatische Handspiel im Finale kaum zu erkennen gewesen – hier gab es einen Strafstoß. Dank verschiedener Zeitlupenaufnahmen war im Halbfinale klar ein belgisches Foulspiel an einem brasilianischen Spieler zu erkennen; hier wurde der Videobeweis jedoch nicht herangezogen – es gab keinen Strafstoß. Warum das eine, warum das andere?

Zudem nimmt die Sportlichkeit ab. Auffällig waren die vielen Ringkämpfe bei Eckbällen, Zeitlupenauswechslungen, um Sekunden zu schinden, geschauspielerte Verletzungen, Spieler, die sich ganz plötzlich auf den Rasen fallen ließen, weil ihnen einfiel, dass der erlittene Schmerz doch zu stark war, permanente Beschwerdeführung beim Schiedsrichter gegen jedwede Entscheidung, gern auch in Form von Gruppendiskussionen, das grundsätzliche Beanspruchen von Einwürfen von beiden Seiten, egal wie klar der Ball ins Aus ging – dadurch bedingt: Nachspielzeiten der Nachspielzeiten.

Die Netto-Spielzeit wird kommen. Für mich steht das fest. Mittelfristig kommt der Fußball nicht mehr darum herum, will er glaubwürdig bleiben. Es sind die Mannschaften und Spieler, nicht die Schiedsrichter, die das bedingen. Der zweite Hauptschiedsrichter könnte kommen – vier Augen sehen mehr beim Eckballgerangel. Ein nicht durch körperliche Anstrengung und ewige Diskussionen mit Spielern zermürbter Video-Leiter auf der Tribüne könnte kommen, der strategisch entscheidet, wann ein Videobeweis eingesetzt wird und wann nicht.

Das sollte weder der Platzschiedsrichter noch der Videoanalyst selbst entscheiden müssen. Die Zeitlupenbilder gehören auf die Videowände für mehr Transparenz gegenüber den wichtigsten Fans – jenen vor Ort. Eine übergeordnete Fairplay-Regelung ist überfällig, damit der Fußballspiele nicht zu Seifenopern verkommen.

Und jetzt erstmal ab ins Schwimmbad.

 

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