Kulturreport

Mordsgedanken

Sascha Berst-Frediani hat mit "Verjährung" einen neuen Spannungsroman veröffentlicht. Foto: Arne Bicker

von Arne Bicker

Mord und Totschlag im Markgräflerland – darum, aber nicht nur darum geht es in Sascha Berst-Fredianis knackigem Roman „Reue“, erschienen in diesem Jahr im Gmeiner-Verlag in Meßkirch bei Tuttlingen. Was passiert, wenn widerläufige Gefühlswelten in einem kleinen, südbadischen Dorf aufeinanderprallen und starke Verwerfungen nach sich ziehen – das weiß der Leser nach der ebenso kurzweiligen wie tiefgründigen Lektüre. Spätestens.

‚Zett.‘ hat den 53-jährigen Autor an einem sonnigen Nachmittag in einem Freiburger Bahnhofscafé getroffen, wo dieser sich gleich seines Jacketts entledigte, um dann sehr entspannt über einem Espresso seine feinsinnig-fiese Mordgeschichte zu beleuchten.

Herr Berst-Frediani, Ihr Buch hat einen solch dicken Einband – Stichwort ‚Pappendeckel‘ – dass man es gleich selbst als Mordwerkzeug verwenden könnte. Ist das Absicht?

Nicht meine, aber die des Verlags, der damit seinen neuen, gestalterischen Ambitionen folgt und sich etwas hochwertiger präsentieren möchte.

Im Untertitel nennen Sie Ihr Buch einen Kriminalroman. Mich hat die Lektüre eher an eine klassische, griechische Tragödie erinnert. Welches Genre bedienen Sie?

Das ist ein schöner Vergleich. Ich selber ordne mich keinem Genre zu; ich habe schon historische und Justiz-Romane geschrieben, und jetzt geht es um einen Mord. Aber eigentlich ist es eine Liebesgeschichte. Ich will auch unterhalten, lasse aber das Etikett ‚Krimi‘ drauf kleben, weil das funktioniert.

Wenn Sie von ‚einer Liebesgeschichte‘ sprechen – sind es nicht vielmehr zwei?

Ja, stimmt. Also eigentlich ist es eine Liebesgeschichte und eine Nicht-Liebesgeschichte, in der Tat.

Sie blicken allen Figuren nicht nur in die Köpfe, sondern auch sehr tief und glaubhaft in die Seelen, und da wimmelt es an Verlierern. Ist das ihr Blick auf das wirkliche Leben?

Also bis auf zwei Nebenfiguren täuschen sich alle selbst und lügen sich eins in die Tasche. Aber wenn man es mit einer Mordgeschichte zu tun hat in einem Dreieck, dann müssen Sie davon ausgehen, dass alle drei auch etwas damit zu tun haben. Das sind hier drei schwierige Existenzen, wobei ja alle nur dadurch zu Verlierern werden, dass es einen Mörder gibt. Es hätte ja genauso gut auch zivilisiert ausgehen können.

Sie sind im Hauptberuf Rechtsanwalt in Freiburg. Greifen Sie mehr auf persönliche Sichtweisen oder auch auf Einblicke in das Leben Ihrer Klienten zurück?

Alles ein bisschen. Das setzt sich zusammen aus Erfahrungen, die ich selber mit Menschen gemacht habe, aus solchen, die ich als Anwalt habe, aber es ist auch ein Teil Fantasie, weil auch ich ein Mensch bin.

Hat Ihre Partnerin das Buch gelesen? Und hat sie vielleicht nachgefragt, was sich da in ihrem Kopf abgespielt hat?

Ja, sie hat es gelesen. Aber sie kennt mich und sie ist selbst Pianistin, deshalb hat sie ein großes Verständnis für künstlerische Abläufe. Und deshalb fragt sie mich nicht: Was denkst du dir dabei?

Warum schreiben Sie – sind Sie als Anwalt nicht genug ausgelastet?

Ich schreibe, weil ich das immer schon wollte. Ich verdiene daran nichts.

Wie schaffen Sie denn diesen Spagat zwischen literarischem und Juristen-Schriftdeutsch? Dazwischen liegen doch Welten.

Ich schreibe vor allem am Wochenende. Aber auch meine Schriftsätze als Anwalt sind nichts anderes als ein Agieren mit Sprache, nur objektiver.

Es gibt immer mehr Juristen, die Literatur verfassen, wie Juli Zeh oder Ferdinand von Schirach. Ist das ein Trend?

Das ist wohl eher umgekehrt. Ich glaube, das jeder, der schriftstellerisch ambitioniert ist und gleichzeitig einen akademischen Beruf anstrebt, einen leichten Einstieg findet in die Juristerei, weil er 60 Prozent des Handwerkszeugs mitbringt, nämlich den Umgang mit Sprache.

Der Titel ‚Reue‘ stammt von Ihnen selbst, nicht vom Verlag. Wem fühlen Sie sich näher? Einem Fjodor Dostojewsky oder einem von Schierach?

Ich fühle mich keinem von beiden nah. Die Stärke von Schirachs liegt in der Kurzgeschichte, und die Stärke Dostojewskys besteht in unglaublich ausufernden Romanen. Ich bin in meinen Formaten gerade zwischen den beiden angesiedelt.

Um welches in Ihrem Roman beschriebene Dorf nahe Bad Krozingen, also im Markgräflerland, handelt es sich?

Um ein Fantasiedorf. Ich hatte da ganz ehrlich keinen bestimmten Ort vor Augen. Das Dorf ist ja kaum beschrieben in der Geschichte; es gibt da lediglich eine Sparkasse, ein Café, einen Platz und eine Straße. Das könnte überall sein.

Ohne zu viel verraten zu wollen, so erscheint doch das Ende Ihres Romans im Gegensatz zum Vorangegangenen etwas unrealistisch – musste sich die Handlung dem Plot unterwerfen?

Diese Kritik ist berechtigt. Ich bin aber an dieser Stelle ganz bewusst etwas weitergegangen, weil ich da nochmal einen zusätzlichen Dreh eingebaut habe, um der Geschichte im Dürrenmatt‘schen Sinne den schlimmstmöglichen Schluss zu geben.

Eine Frage noch: Spielen Sie Baseball?

[lacht] Nein.


Sascha Berst-Frediani: „Reue“ (Die Geschichte eines Mordes, Kriminalroman, Gmeiner-Verlag 2018, 244 Seiten, 18 Euro – auch gelistet in der Stadtbibliothek).

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