Satire

Nagelprobe

Veröffentlicht am 24. September, 2018 | 14:43


von Tom Teuffel

Kürzlich lud mich ein in Freiburg lebender und in einem anderen Land geborener Freund zum Kaffee ein. Er wohnt in einer kleinen Wohnung in einem wirklich hässlichen Wohnblock. Als er mich in sein Wohnzimmer bat, war ich sehr erstaunt: Obwohl dieser Freund Bilder liebt und auch selber gern malt, hing nur ein einziges Bild an seiner größten, freien Wohnzimmerwand, und das auch noch ziemlich seltsam, rechts unten. Viele Bilder lehnten dafür auf Regalen oder am Boden.

Ob das eine Art Gesamtinstallation sei, fragte ich ihn verwundert, so wie ‚Gruppenbild mit Dame‘, nur in diesem Falle ‚Nichts mit Kleinod‘? Nein, er war nicht zum Scherzen aufgelegt, das sah ich gleich. Er dürfe keine Nägel in die Wände schlagen, um Bilder aufzuhängen, beschied er mich, das habe ihm der Vermieter strikt verboten. Zum Glück aber, und da schlich sich doch ein kleines Schmunzeln in sein Gesicht, habe der Vormieter einen Nagel hinterlassen, wenn auch an besagter unglücklicher Stelle, und den nutze er nun, frech wie er sei, einfach weiter. Es gebe auch noch einen zweiten Nagel, im Flur, da hinge auch ein Bild. Er zeigte es mir.

Ich war, wie es sich für die Erstinaugenscheinnahme eines guten Museums gehört, kurzzeitig sprachlos. Dann fragte ich ihn, ob sein Vermieter einen Lageplan gemacht habe von allen zwei Nägeln. Und ich fragte ihn nach der Höhe der Miete. Er nannte mir den monatlichen Betrag. Mir verschlug es den Atem. Mindestens angesichts dieser horrenden Summe dürfe er mit Sicherheit so viele Bilder aufhängen wie er wolle, sagte ich.

Woraufhin mein Freund meinte, er sei ja nur ein Ausländer, mit ihm könne es der Vermieter wohl so machen, dieser habe keine Zweifel daran gelassen, dass er froh sein könne, die Wohnung überhaupt bekommen zu haben. Nein, sagte ich, das würde der Vermieter wohl auch mit vorsätzlich einheimischen Mietern so machen, das sei vermutlich eine überreaktionäre Wandheiligsprechung kombiniert mit Geiz und Menschenhass; der Vermieter müsse ein sehr unglücklicher Mensch sein. Es sei aber von Vorteil, sagte ich meinem Freund, dass er Ausländer sei, wenn auch nur aus Europa, aber so könne er fleißig Nägel einschlagen und seine schönen Bilder aufhängen und im Falle einer Beanstandung ganz laut „Rassismus“, am besten mit starkem Dialekt, zum Fenster raus schreien.

Und nur zur Sicherheit, fuhr ich fort, solle er doch eh besser Schrauben mit zehn Millimeter Durchmesser und acht Zentimeter langen Dübeln verwenden, das sei stabiler, man wisse ja nie, wann hier am Oberrheingraben das nächste Erdbeben komme. Mein Freund schaute mich voller Zweifel an, nickte aber versonnen mit dem Kopf. Ich nahm mir fest vor, mich bald nochmal zum Kaffee einladen zu lassen und nach dem Namen des Vermieters zu fragen, für meine nächste Kolumne.

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