Kolumne Zett.

WM-Kolumne: Neutraler Jubel

Marco Reus (links) und Toni Kroos bejubeln das 2:1 gegen Schweden in neutraler Richtung. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 24. Juni, 2018 | 21:47


WM-Kolumne Zett. / 25. Juni 2018

von Arne Bicker

Gestern war ein Freund zu Besuch, der eigentlich mit Fußball nicht viel am Hut hat, sich dafür aber mit der Chemie bestens auskennt. „Kroatien und Belgien sind gut“, resümierte er, „Deutschland spielt schwach, und die anderen sind wie immer.“

Neuer Absatz. Deutschland hat also am Samstag sein zweites Spiel gewonnen. Toni ‚die Achterbahn‘ Kroos und Julian ‚der Pfosten‘ Brandt hatten den Schweden in der Schlussphase gezeigt, dass sich mit Zeitlupenauswechslungen das Universum nicht beliebig vorspulen lässt. Der, sagen wir mal, dramaturgisch stilvoll gesetzte Siegtreffer markierte einen Wendepunkt in der gefühlten – wenn auch nur aus dem 0:1 gegen Mexiko bestehenden – Niederlagenserie der deutschen Equipe.

Die destruktiven Interferenzen zwischen Heimatmedien und der sich im Ausland erschütternden Nationalelf setzte im Anschluss aufs trefflichste ‚Spiegel Online‘ fort, das sich, vielleicht von einer kasachischen Schönheit, zu dem bemerkenswerten Satz hinreißen ließ: „Nicht Deutschland hat das Spiel gewonnen, Schweden hat es verloren.“

Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Der gedruckte Spiegelbruder formulierte den hier lose zu erahnenden Sinnzusammenhang deutlich diplomatischer, indem er in seiner aktuellen Ausgabe festhielt: „Fußball ist ein Spiel mit ungewissem Ausgang.“ So geschrieben in einem Artikel über die Nationalmannschaft Frankreichs.

Solchermaßen sorglos, ja geradezu leidenschaftslos nachlässig sehen wir das hierzulande natürlich noch nicht mal beim Schulturnen. Schauen wir also auf die Reaktionen im Ausland. Die waren verhalten bis erbost. „Deutschland ist immer Deutschland“ fabulierten spanische Journalisten von der „AS“ offensichtlich in der REM-Phase ihrer Siesta. Das schwedische „Aftonbladet“ maulte derweil an zwei deutschen Mannschaftsbetreuern herum, die nach dem Spiel provozierend in Richtung der schwedischen Bank gejubelt hätten.

Das deutsche Team entschuldigte sich trumphaft per Twitter und fügte noch eine folkloristische Schwedenvokabel zur Zerstreuung an (ich glaube so etwas wie „Smörrebröd“, bin mir aber nicht sicher). Zur Strafe gab es am Sonntag Nachhilfe-Unterricht im provokationsfreien, schön politisch verhaltenen Jubeln in streng neutraler Richtung von Prinzessin Hisako Takama, die das 2:2 ihrer japanischen gegen eine afrikanische Auswahl huldvoll abnickte. Das hatten sich die Japaner auch verdient, war es ihnen doch gleich zwei Mal gelungen, eine Führung des Gegners zu senegalisieren.

Und hatte nicht schon William Shakespeare im Jahre sechzehnhundertungrad festgestellt, dass ein Kampf immer gewonnen und verloren wird – je nach Sichtweise? Von einem Unentschieden war da nicht die Rede, weshalb auch Shakespeares direkte Nachfahren kein Erbarmen hatten mit Panama, das im griechisch-römischen Freistilringen um die Empfängnisverhütung bei Eckbällen mit 6:1 auf die grüne Matte geschickt wurde.

Der deutsche Shakespeare war für mich übrigens zweifelsfrei Walter Giller. Der Schauspieler aus Recklinghausen hatte in den achtziger Jahren eine Fernsehserie mit Sketchen moderiert, die „Locker vom Hocker“ hieß. Sein wie für diese WM maßgeschneidertes Schlusswort hieß stets: „Es bleibt schwierig.“

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