Satire

Produktivität im Homeoffice

Homeoffice, sweet Homeoffice. Foto: F. Hartmann

Veröffentlicht am 28. Mai, 2020 | 19:08


von Tom Teuffel

Dass gerade wahnsinnig viele Leute fleißig wie die Bienen in ihrem Homeoffice arbeiten, merke ich daran, dass mich irrsinnig viele Mails mit wohlmeinenden Hinweisen und Aufforderungen erreichen. Die ploppen direkt vor meiner Nase auf, weil ich selbst ja auch im Homeoffice sitze. Das Ganze scheint mir ein sehr gutes System zu sein, denn auf diese Weise werden wir alle nicht arbeitslos.

Die Werbemails teile ich in drei Kategorien ein. Die erste Kategorie kommt von Leuten, die mich ehrlich und uneigennützig reich machen wollen. In diesen Mails sind zur Verdeutlichung der Seriosität das Logo der Bildzeitung und Fotos von Prominenten enthalten, die besonders gut mit Geld umgehen können, wie Boris Becker und Günter Jauch.

Dazu der Hinweis „Höhle der Löwen System macht Deutsche Bürger reich. Sendung darf nicht ausgestrahlt werden, der Sender ist stinksauer.“ In Zeiten von Desinfektformation und Verschwörungstheorien ist das mal ein schlüssiges Konzept. Wahrscheinlich staunen die Absender, warum nicht jeder Mail-Adressat dieses selbstlose Angebot annimmt. Die anderen Adressaten gründen wahrscheinlich gerade eine Selbsthilfegruppe.

Die zweite Kategorie sind Erderwärmungssubunternehmen wie SWISS, die seinerzeit zwar nicht das Hustenbonbon, aber womöglich den Kerosinzuschlag erfunden haben. SWISS schreibt mir, dass „bereits im Juni bis zu 190 wöchentliche Flüge“ angeboten werden würden, mit weitreichenden Schutz- und Hygienemaßnahmen, die unter anderem daraus bestehen, dass an Passagiere nach dem Einsteigen Desinfektionstücher abgegeben werden.

Mit diesen Tüchern wedelt auch easyJet per Mail, wobei hier zusätzlich einen totaler „Verzicht auf den Bordservice“ angepriesen wird, sicher ist sicher. Dabei hatte ich mich eigentlich darauf gefreut, dass die Erdatmosphäre vielleicht auch weiterhin geschont wird. Aber unser Fremdenverkehrsminister im Maßanzug stemmt vermutlich gerade persönlich Grenzbäume wie umgekehrte Klimmzüge nach oben.

Es ist die Zeit der Superhelden. Apropos: Ich selber setze auf Elektromobilität und benutze deshalb regelmäßig einen transportablen Akkuschrauber.

Die dritte Kategorie der elektronischen Wohltäter sind derweil Anbieter länglicher Nutzgegenstände. „Beschädigtes Auto, Motorrad lackieren? Verbessere es mit dem Stift“, schreibt mir Amelia Pjgmaar. „Zauberstift für Autos: kein Kratzer mehr, +1gratis“ lautet die verlockende Offer.

Hermenegild Bruhn lässt hingegen schon im Namen die Domina anklingeln. „Wenn der Abfluss sich auch bei dir verstopft, kann dies zu erheblichen Belästigungen führen. Kaum Wasser fließt ab, egal wie du es pumpst, außerdem können sich störende Gerüche in Ihrem Haus ausbreiten. Hör auf damit!“ weist sie mich zurecht.

Stattdessen: „Das neue Sani Sticks Abflussreiniger-Stäbchen ist gekommen! Mit diesem Zauberstab kannst du einfach alle Verunreinigung aus den Röhren entfernen. Es ist genug, nur 1 Stab per Monat in dem Abfluss geben, und es hat sofort eine segensreiche Wirkung.“

In ihrer Mail scheint Hermenegild Bruhn zu erahnen, dass ich noch zaudere: „Denk hinein, wie gut es sein wird, nicht mehr dich mit teuren und giftigen Chemikalien und erschöpfendem Pumpen mühen zu müssen!“ Mit diesem gekonnten Dativ hat sie mich. Ich will nie wieder pumpen müssen, die Sanitärzäpfchen sind bestimmt der Hit.

Und mit diesem hart erarbeiteten Text schließe ich ein weiteres, äußerst segensreiches Tageskapitel in meinem Homeoffice. Warum nur trauen so viele Arbeitgeber ihren Angestellten nicht über den Weg?

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