Satire

Schlafes Bruder

Veröffentlicht am 17. März, 2019 | 11:42


von Tom Teuffel

Es ist keine gute Idee, Kolumnentexte nachts beim Einschlafen im Bett zu schreiben. Wenn mir an der Schnittschwelle zwischen Buchlesen und Einpennen noch ein paar mutmaßlich überlieferungswürdige Gedanken durchs Hirn schleichen, dann muss ich sofort aufspringen und Stift und Schreibblock holen. Empirisch bestätigt ist, dass ich sonst am nächsten Morgen alles vergessen haben werde, jedenfalls den Inhalt. Dass ich beim Einschlafen noch einen wahnsinnig klugen Gedanken hatte, daran erinnere ich mich natürlich; und schon ist der ganze Tag im Arsch.

Vor dem nächtlichen Aufstehen überlege ich dann noch, ob ich mir nicht gleich den Notebook ins Bett hole, weil ich ja sonst am nächsten Tag alles noch mal abtippen muss, sofern ich das nächtliche Geschmiere dann überhaupt noch lesen kann. Schließlich habe ich das zwar beseelt, aber todmüde auf der Daunendecke als Unterlage aufgeschrieben, und die gibt nach wie Wasser, in das ein Stein fällt. Nur kommt der Notebook nicht in Frage, weil mir ja, nachdem ich den Gedanken notiert und den Notebook ausgeschaltet habe, noch Zusatzgedanken kommen, die die ursprüngliche These erst erhärten und abrunden. Und das passiert natürlich mehrmals. Ein Dominoeffekt. Und wenn ich dann jedes mal den Notebook wieder hochfahren muss, dann nervt das total.

Also knipse ich schnell die Nachttischlampe an und schreibe die nachträglichen Stichworte schräg im Bett liegend neben die alten Notizen hochkant auf den Block, nachdem ich damit das Wasserglas auf das Buch umgekippt habe. Dann stehe ich doch nochmal auf und mache die Sauerei weg mit einem Lappen, den ich aus dem Badezimmer hole. Bei der Gelegenheit kann ich dann wenigstens, Pluspunkt, aufs Klo gehen.

Wenn ich mich danach wieder hinlege, bin ich gar nicht mehr so müde, aber das nass gewordene Buch muss erst mal trocknen. Dafür freue ich mich, dass jetzt keine Bleistiftspäne in meinem Rücken kratzen, weil ich vorausschauend zu einem Kugelschreiber gegriffen hatte. Aber wirklich glücklich schlafe ich nicht ein, weil es genau dieser hier zu lesende, ein wenig dünne und irgendwie selbstreferenzielle Text ist, der mir beim Einschlafen durch den Kopf gegangen war. Morgen werde ich das abtippen. Vielleicht auch diesen Schlusssatz.

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