Satire

Unfaire Glückskekse

Veröffentlicht am 6. September, 2018 | 14:46


von Tom Teuffel

Sie liegen im Regal, als könne sie kein Wässerchen trüben, beim Discounter meines Vertrauens, einträchtig nebeneinander, und warten darauf, begrapscht zu werden: Kekse mit Schokostückchen. Die einen Kekse heißen „Fairglobe Cookies“, und die Packung ziert das „Fairtrade“-Logo. Die anderen, also unfairen Kekse, heißen „Sondey American Style Chocolate Cookies“. Was nun hat es mit diesen unterschiedlichen Kekssorten auf sich?

Als Journalist von Weltrang würde ich jetzt Recherchen anstrengen, die Pressestelle des Discounters mit Fragen löchern, welche Sorte sich besser verkauft, und vor allem: warum beide Produkte widersprüchlicherweise im Programm sind, wie die Herstellung überwacht wird und Ähnliches. Dann würde ich Käufer am noch griffwarmen Einkaufswagen interviewen, sie nach ihrem Gewissen und ihrer Geldbörsendicke befragen und den Zusammenhang zwischen beidem aufdecken.

Ich würde mit meinem Kamerateam eine Reise ins Herkunftsland organisieren, Ghana vielleicht, oder Costa Rica, und würde die letzten Meter auf dem Sozius eines Mopeds und dann in einem Kanu zurücklegen und am Zielort verdeckt unter Einsatz meines Lebens die lokale Keksmafia infiltrieren, um an Informationen aus erster Hand zu kommen und Verlierer- und Gewinnerschicksale zu dokumentieren.

Diese Gedanken schossen mir am Keksregal durch den Kopf wie einem Sterbenden der Film seines Lebens. Aber hey, der journalistische Weltrang hat sich hier in Freiburg noch nicht eingestellt, das Spesenkonto unterliegt der Pränataldiagnostik, und mein Dritte-Welt-Land-Spanisch reicht nicht von doze bis Mittag. Wo war ich?

Die Kekse. Ich sitze am Küchentisch und trinke Kaffee. Dazu gibt es die besagten, politisch inhomogenen Mürbebackerzeugnisse, die, kurz eingetunkt, in ihrer Konsistenz chameleongleich von betonhart zu faulobstweich changieren und dabei für Sekundenbruchteile einen Verführungszauber entfachen, dass ich glaube, ich küsste Scarlett Johansson. Oder sie mich. Oder wir uns. Jetzt nur nicht die Augen öffnen.

Doch früher oder später muss auch das geschehen; der selbstangezettelte Smalltalk mit dem Kaffeetrinkgegenüber zum Thema Keksfairness will fortgeführt sein. Versonnen blicke ich den zweiten Kaffeetassenhalter an, bei dem es sich definitiv und ganz bestimmt überhaupt null und absolut gar nicht um Scarlett Johansson handelt, sondern um einen Freund, der kurz zuvor an der Tür geklingelt hatte.

„Die fairen Kekse sind 40 Cent teurer als die unfairen“, erkläre ich ihm anstelle eines Millionenpublikums an den Fernsehbildschirmen, „aber bei den unfairen sind dafür vier mehr drin.“ „Wahrscheinlich“, mutmaßt mein Gegenüber, „müssen eben bei den fairen die unbezahlten, minderjährigen, entführten Kinderarbeiter nicht ganz so oft unter Lebensgefahr die Bäume raufklettern zum Kekspflücken.“ Der Mann hat eine blühende Fantasie.

Ich springe mit dem Fallschirm ab, hinein ins Kleingedruckte der beiden inzwischen halbgeleerten Kekspackungen. Das Röcheln der Kaffeemaschine verklingt im Buchstabenurwald. Die fairen Kekse werden mit fair gehandeltem Zucker und Kakao gebacken, „Gesamtanteil 55 %“. Die unfairen Kekse verschweigen die Herkunft dieser Bestandteile und bieten sonst eine fast gleiche, ellenlange Ingredienzienliste auf, vom Glukosesirup bis zu „Diphosphate“ und „Natriumcarbonate“. Beide Kekssorten werden in Kempen, Deutschland, von der „Flämischen Keksfabrik GmbH“ hergestellt.

Eine Warnung, dass die fairen Kekse Spuren von unfairen Keksen enthalten könnten – oder umgekehrt – steht nicht drauf. Die fairen Kekse „mit 50 % Schokostückchen“ schmecken psychologisch gewissermaßen in jeder Hinsicht leckerer als die unfairen „mit 29 % Zartbitter- und 11 % Vollmilchschokoladestückchen“. Ich tauche auf. „Alles klar“, halte ich fest, „Keksgenuss mit oder ohne Gewissen – das Geld landet jedenfalls beim gleichen Hersteller.“ „Und der Kunde kann entscheiden, ob fair oder nicht – nur nicht wo seine Kohle landet“, nuschelt mein kauender Gast. Auch ich beiße in meinen letzten Keks. Und schließe die Augen.

 

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