900 Jahre Freiburg

Was hat Freiburg? Eine Top-10 Bestandsaufnahme

von Tom Teuffel

Am 1. Januar 2020 wurde Freiburg offiziell 900 Jahre alt. Für alle Nicht- oder Noch-Nicht-Freiburger hat das Kulturmagazin ZETT. seinen drittbesten Fotografen in die Stadt entsandt, um in maximal geschichtsträchtigen Bilddokumenten festzuhalten, was Freiburg ausmacht, was Freiburg ist und hat, das andere Städte nicht haben. Hier ist unsere ultimative Top-10-Übersicht vom 3. Januar 2020.

1.) Freiburg hat einen Platz.

Freiburg hat einen Platz. Einen großen Platz mit ganz viel Platz. Eine Art waagerechten Plattenbau zum Draufrumlaufen. Ein Sichtachsenfeld. Und das kam so: Im Jahr 2006 schrieb die Stadt Freiburg einen Gestaltungswettbewerb für eine von zahllosen Punkerhunden liebgewonnene Piss- und Brachfläche zwischen Universität und Stadttheater aus. Im Wesentlichen sollte der verlotterte Rasen durch Steinplatten ersetzt werden. In einem teuren Bewerberverfahren verkauften monetenwitternde Architekturbüros Vokabeln  wie „Neue Mitte“, „Moderne Prägung“, „Drehscheibencharakter“, „Fußgängerströme“, „Erlebniszonen“, „Dynamik und Aktivität“, „Fontänenfeld“ und „Granitplattenteppich“ an den Ausrichter. Am Ende bekam, nach einigen Nachbesserungen in Form von Weglassungen, der Begriff „frei von Einbauten“ den hochdotierten Zuschlag. Die Anordnung der vier Puzzleteile Fontäne, Synagogengrundriss, Bänke und Bäume einem Azubi des Gartenbauamtes zu überlassen, war seinerzeit keine Option.

 

2.) Die Freiburger sind streng religiös.

Die Freiburger sind streng religiös. Sie beten den Gott des Kaffees an. Hochzeiten zwischen Segafredisten und Kolbenfressern sind ausgeschlossen; ökumenische Veranstaltungen sind verpönt. Unser Bild zeigt vier Schwarzgoldtempel, in denen täglich zu unterschiedlichsten Gleitzeiten kontemplativ verinnerlicht wird, worauf es ankommt. Nicht abgebildet ist die Kapelle des Davide, denn die hatte zum Zeitpunkt der Bildbegehung zu. Und ein geschlossenes Café zu fotografieren, ist wie eine Diskokugel ohne Spiegel rotieren zu lassen. Merke: Gott macht nie Pause.

 

3.) Die Freiburger sind tierlieb.

Die Freiburger sind tierlieb. Sie mögen Schlangen. Jedenfalls bilden sie gern welche. An zwei Freiburger Orten zelebriert die seit der Wiedervereinigung verschwunden geglaubte, sozialistische Mangelwirtschaft fast tagtäglich Widergänger in Form von Schlangestehenden, die auch bei Starkregen und Schneeböen bis weit auf den Bürgersteig hinausreichen: An einem Bächle namens Euphrat in der Innenstadt und vor der Postfiliale in der Markgrafenstraße. Touristen, die denken, hier gäbe es etwas umsonst, werden fehlgeleitet. Entsprechende Warnhinweise in Freiburger Stadtführern fehlen völlig.

 

4.) Freiburg ist eine grüne Bildungsstadt.

Freiburg ist eine grüne Bildungsstadt. Damit sind die beiden wesentlichen Charaktermerkmale der südbadischen Transmetropole benannt. Erhalt und Pflege grüner Mischwiesen für Mischwesen gehen Hand in Hand mit Büchern und guten Noten für alle. Der Durchschnitts-Freiburger verbringt geschätzte 87 Stunden im Jahr damit, auf einer Wiese ein Buch zu lesen. Manche lesen sogar ein gutes Buch. Und essen statt Butter gute Butter. Die Ansprüche sind hoch. Auf Platz zwei der beliebtesten Wiesengammlertätigkeiten rangiert Pizzaessen, dicht gefolgt von Den-Pizza-Karton-Einfach-Wegwerfen-Wo-Man-Gerade-Steht-Oder-Liegt.

 

5.1.) Freiburg ist eine Stadt der Architektur.

Freiburg ist eine Stadt der Architektur. Diese ist äußerst abwechslungsreich und vielseitig. Es gibt quasi alles, sogar Gebäude, die es nicht gibt, oder zumindest so nicht geben sollte. Genehmigungen erteilt das Bauamt mithilfe einer Lottotrommel, außer bei privaten Monumentalbauten wie Hundehütten oder Geräteschuppen. Um lebendige Kontraste zu schaffen, wird großer Wert darauf gelegt, innerstädtische Sichtachsen mit Gegenpolen zu versehen. Unser Beispiel zeigt zunächst das KG II der Universität in bewährter Asbestoptik.

 

5.2.) Freiburg hat eine Universitätsbibliothek

Freiburg hat eine Universitätsbibliothek. Schräg gegenüber vom KG II findet sie sich wie der leicht schiefe Frontaleinschlag des Kampfsterns Galaktika, nachdem dieser seinen Schornstein bereits über Pisa verloren hatte. Das an landgebundene Seekrankheit gemahnende, wackeldackelige Wunderwerk beinhaltet indes unzählige kerzengerade stehende Bücherregale. Wen das Schicksal dazu verdonnert hat, die Uni-Bib öfter von innen als von außen betrachten zu dürfen, verfügt über passives Expertenwissen in Luftzirkulationsfragen. Außen verhindert eine Gulliver-Jalousie, dass aus Mensarichtung anrollende Autofahrer von grellen Sonnenreflexen geblendet werden und dauerprovisorische Bauzäune schützen Passanten vor herabstürzenden Fassadenteilen – alles extrem ausgeklügelt. Ein digitales Schwarz-oder-Weiß-, Null-oder-Eins-Gebäude: Die Freiburger verehren oder hassen es. Die Grauzone dazwischen ist dünn wie Blattgold.

 

6.) In Freiburg ist nicht alles Käse.

In Freiburg ist nicht alles Käse. Die Schlange vor diesem gelben Stand auf dem Münsterplatz ist nur deshalb nicht so lang, weil es sich trotz des plagiativen Erscheinungsbildes NICHT um ein mobiles Postamt handelt. Das erfährt der König Kunde allerdings erst, wenn er die ersten Briefmarken schon bestellt hat. Tatsächlich handelt es sich um eine Paketausgabestation für heilige Inhalte zum Niederknien. Wer nach dem ersten Bissen nachvollziehbarerweise beten möchte, kann dies gleich nebenan im Münster tun. Und nein, in den Paketen befindet sich KEIN Münsterkäse.

 

7.) In Freiburg gibt es nur ein bisschen Meer.

In Freiburg gibt es nur ein bisschen Meer. Die Freiburger entspannen sich in ihrer Freizeit, und sei es medizinisch verordnet, in Booten. Zum Beispiel in Cabrio-Booten mit Faltdach auf dem Titisee, in winzigen Ein-Mann-Jollen auf dem Schluchsee oder in Yachten auf der Adria. Um ihre Kinder auf diese als dringend notwendig erachtete Zukunft vorzubereiten, verkaufen sie an einem ihrer Süßwasser-Behelfskanäle (eine symbolische Verbindung zwischen den Weltmeeren) kleine Holzboote, die die Kinder fröhlich glucksend an einer Leine durch die Rinnen ziehen wie Verrückte ihre Zahnbürste durch die Klapsenkantine.

 

8.) Freiburg ist eine freie Stadt.

Freiburg ist eine freie Stadt. Auch wenn Freiburg lange Zeit unter der Knute der Zähringer, der SPD und der Grünen stand, so ist die Stadt doch inzwischen frei. Die Freiburger wissen diese Freiheit, zu der auch die Redefreiheit gehört, derart zu schätzen, dass sie in der Innenstadt alle paar Meter ein freies Rednerpult aufgestellt haben. Die Pulte werden indes selten genutzt, auch nicht von den zu ihrem jeweiligen Kaffeetempel schlendernden Bürgermeistern, da meist kaum jemand zuhört. Immerhin ergab sich die Farbe der öffentlichen Rednerpulte wie von selbst; schließlich sagt ja schon der Volksmund: ‚Reden ist Silber‘.

 

9.) Freiburger küssen gern.

Freiburger küssen gern. Und zwar Schienen. Da Freiburg die Stadt mit der höchsten Durchschnittstemperatur Deutschlands ist, besteht immerhin keine Gefahr, festzufrieren. Anlass zu diesem waghalsigen Hobby gab der Papstbesuch im Jahr 2011. Der heilige Vater bückte sich auch andauernd, um irgendwelche Dinge auf der Erde zu küssen. Die religionsbegeisterten Freiburger wollten es ihm nachtun, dabei aber doch ‚etwas Eigenes‘ haben. Manche Freiburger erwarben seinerzeit auch extra lange und schwere Holzklötze, sogenannte Papst-Hinkelhölzer. 

 

10.) Freiburg ist eine Wein-Stadt.

Freiburg ist eine Wein-Stadt. Dennoch gbt es hier auch sehr viele fröhliche Menschen. Für diese hat sich die Stadtverwaltung einen besonders griffigen Claim einfallen lassen: „Voll Alles Geil“ – mit einem stilisierten Grinsen darunter. Vermutungen, denen zufolge ein Zwei-Jahres-Praktikant der beauftragten Werbeagentur diesen Spruch zu Papier gebracht habe, ließen sich bislang nicht verifizieren. Aber niemand weiß besser als die Freiburger, wie wahr das ist, weshalb sie sich das Akronym des Stadtmottos (von dem viele denken, dass dies das lateinische Wort für ‚Arschgeweih‘ sei) gern sonstwohin tätowieren lassen, sogar auf ihre Autos. Nicht-Einarschgeweihte müssen nachfragen – und das macht die Freiburger besonders stolz auf ihre Stadt.

 

11.) Freiburger können alles außer Mathe.

Freiburger können alles außer Mathe. Das sehen Sie ja schon daran, dass unsere Top Ten elf Punkte umfasst. Den Umstand nutzte indes die Landesregierung aus einer Stadt, deren Name hier weitgehend unbekannt ist (irgendwas mit „21“) aus, um an einer Stelle nahe des Freiburger Hauptbahnhofs ein sogenanntes Zähldisplay aufzustellen. Dessen psychedelisch-blaue Zahlenschrift haut bei längerem Draufstarren auch den stärksten Spätzleesser aus dem Sattel (weshalb wir diese hier aus gesundheitlichen Gründen nicht frontal abbilden). Die gutgläubigen Freiburger denken aufgrund der schwäbischen Flimmerkiste nun, dass sie in einer Megacity knapp hinter Berlin (3,7 Millionen Einwohner) leben, weil 2019 angeblich amtliche „3,53 Millionen Radfahrer“ an dem Stahlspargel vorbeipedalt sein sollen. Bei 230.000 tatsächlichen Einwohnern. Hallo?

 

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