Kolumne Zett.

WM-Kolumne: You give me fever

Aus die Maus: Deutschland sah in Russland die rote Karte. Foto: Arne Bicker

Veröffentlicht am 28. Juni, 2018 | 12:33


WM-Kolumne Zett. / 28. Juni 2018

von Arne Bicker

Äh, ja. Wo war ich? Wm, hm. Wie wir inzwischen verbrieft wissen, war nicht die deutsche Mannschaft mitfavorisiert, sondern der Kometenschweif jenes Titels, den es vor vier Jahren gegeben hatte. Haben die damals ähnlich kopflos einfach so gewonnen? Oder ist diesmal einfach alles schief gegangen?

„Hoffentlich noch sieben Spiele“ hatte der Heißluftballonfahrer Oliver Bierhof vor dem 0:2 gegen Südkorea gesagt und dabei übersehen, dass das Rezept, mit einer seit vielen Monaten arg schwächelnden Mannschaft ohne klares Konzept und hartes Durchgreifen an den Start zu gehen, allein im Vertrauen darauf, dass sich alles schon von selbst richten und aufrichten werde, auch misslingen kann.

Wie oft, wenn ich nicht weiter weiß, schaue ich bei Wikipedia nach: „Die Hybris [ˈhyːbʀɪs] (altgriechisch ὕβρις hýbris ‚Übermut‘, ‚Anmaßung‘) bezeichnet eine extreme Form der Selbstüberschätzung oder auch des Hochmuts. Man verbindet mit Hybris häufig den Realitätsverlust einer Person und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen, vor allem von Personen in Machtpositionen.“

Das kann klärende Wirkung haben. Für mich persönlich ist das Ausschneiden zu verschmerzen, es sind ja nicht alle Mannschaften raus. Und für Deutschland war kaum mehr drin. Sport halt. Ergebnisoffen, alternativenreich. Die Nationalspieler sind Profis und haben gewonnen – an Urlaub. Verzeihen wir ihnen. Bitte um Handzeichen: Wer will weiter guten und spannenden WM-Fußball sehen? Den wird es geben, versprochen! Ohne uns, was soll’s?

Das Knistern geht weiter. Ich freue mich auf spannende Achtelfinals! Da stehen sechzehn Mannschaften drin, die sich das ausnahmslos verdient haben. Und an Dramatik hat es bis jetzt schon nicht gemangelt, Spanien – Portugal, Schweden – Deutschland, Nigeria – Argentinien oder Schweiz – Costa Rica. Yes Baby, you give me fever!

Die deutsche Seele und – so ist das schon längst im Fußball – die deutsche Wirtschaft sowie viele Anhängselmedien verlieren schlecht. Deshalb schießen wie Pilze die Reflexe empor: Aufarbeitung, Umbruch, Neuanfang und so weiter und so fort. Wie wär’s mal damit: Arsch zusammenkneifen, nicht zu doll uswusfen, gerader Blick in den Spiegel, locker bleiben, WM genießen, und dann irgendwann die zuständigen Knallchargen weiter machen lassen?

Wahrer Sportsgeist zeigt sich auch und besonders im Verlieren. I get a fever that’s so hard to bear.

 

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